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Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

08. März 2010

Odenwaldschule - FR anno 1999: Der Lack ist ab

 Von Jörg Schindler
Archivbild: Schüler betreten die Odenwaldschule.  Foto: ddp

Rückblick: Am 17. November 1999 berichtet Jörg Schindler über den jahrelangen Missbrauch von Schülern des ehemaligen Leiters der Odenwaldschule. Lesen Sie hier den Original-Artikel.

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Mittwoch, 17. November 1999 "Davon geht der Lack nicht ab", pflegte Gerold Becker zu sagen, als er noch Leiter der Odenwaldschule war. Nach einer verhauenen Arbeit: "Davon geht der Lack nicht ab." Wenn einen die Grippe erwischte: "Davon geht der Lack nicht ab." Am 12. November 1997 erreichte den Theologen Gerold Becker ein Brief seines ehemaligen Schülers Jürgen Dehmers - dessen letzter Satz lautet: "Der Lack geht ab, auch wenn es nicht sichtbar ist."

In dem Brief steht außerdem: "Menschen wie Dich, die sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen Heranwachsenden begehen, trifft mein voller Zorn."

Jürgen Dehmers (Namen aller Schüler geändert) ist heute 30. Gerold Becker ist heute 63. Jürgen Dehmers war über Jahre hinweg ständig krank und wusste nicht warum. Irgendwann begann er eine Therapie, in der die verdrängten Bilder aus der Schulzeit wieder auftauchten.

Gerold Becker erfreute sich über Jahre hinweg uneingeschränkter Verehrung, er war Leiter der Unesco-geförderten Odenwaldschule, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, landete irgendwann im Hessischen Institut für Bildungsplanung und gilt heute als ein wichtiger Exponent der deutschen Pädagogik. Jürgen Dehmers sagt, "die Wunden sind ein Stück weit vernarbt" .

Gerold Becker sagt, dass er nichts sagt. Jürgen Dehmers und Gerold Becker haben jahrelang unter einem Dach gelebt. Das ist so üblich in den gut 20 deutschen Landerziehungsheimen, unter denen die Odenwaldschule im südhessischen Ober-Hambach als d i e Vorzeigeeinrichtung gilt: Lehrer sind hier gleichzeitig "Familienhäupter" , die sich in den idyllischen Wohnhäusern um sechs bis zwölf Minderjährige kümmern. Die Odenwaldschule, so steht es in der Heimordnung, möchte "eine freie Gemeinschaft" sein, "in der die verschiedenen Generationen unbefangen miteinander umgehen und voneinander lernen können" . In der Rückschau wird deutlich, dass der Theologe Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete, die Idee dieses Satzes mehr als ein Mal pervertiert hat.

"Etliche Schüler" , sagt Dehmers, habe Becker in den 80er Jahren "in inflationärem Umfang" sexuell missbraucht. Er selbst sei von seinem Familienhaupt seit 1982, da war Dehmers 13, immer wieder sexuell attackiert worden. Vor Gericht, sagt Dehmers, "würde das, was er getan hat, heute als Vergewaltigung gewertet" : Ständig habe Becker Schüler "begrapscht", ständig habe er im Schülerbereich geduscht. "Eine optimale Situation für Pädophile", sagt Dehmers. ...

Torsten Wiest war 14, als er eines Morgens aufwachte, weil ihm Becker "an den Genitalien rumfuhrwerkte". Stefan Diers war 14, als ihm Becker in sein Zimmer folgte und ihm "in den Schritt griff. Michael Wisotzki war 13 oder 14, als er unter Beckers Bett "einen Berg von Kinderpornoheften" entdeckte. Rüdiger Groß war 15, als er seinen Spind mit "Pin-up-Girls" pflasterte, "um Becker zu zeigen, dass da nix laufen wird". Dessen "übliches Ritual" sei es gewesen, seine Mitschüler morgens, "wenn man noch geschlafen hat" , überall zu streicheln. "Ich habe ihn nicht rangelassen", sagt Groß. Nicht zuletzt deswegen, glaubt er, habe ihn Becker im Familienbericht "richtig reingeritten" und ihn als "asozial" gebrandmarkt.

"Was mir bis heute aufstößt" , sagt Michael Wisotzki, "ist, dass an der Schule keiner die Courage hatte, mal den Mund aufzumachen." Schließlich sei ständig kolportiert worden, dass "der Gerold auf kleine Jungs steht" . Zudem, so berichten Schüler und Lehrer, habe Becker exzessiven Konsum von Alkohol und Drogen nicht nur gebilligt, sondern sogar unterstützt: Bisweilen habe er 14-Jährige sonntags zum Bierholen nach Bensheim gefahren. Bereits in den 70er Jahren kündigten mehrere Lehrer, weil sie den Zustand der "inneren Unordnung und Regellosigkeit" unter Becker nicht mehr ertrugen. Von dessen Pädophilie habe man damals nichts gewusst, sagt einer von ihnen heute, "man hat es gespürt". Aber nie wurde den Vorwürfen gegen den als außerordentlich charismatisch geltenden Mann nachgegangen. Und so setzte Gerold Becker seinen Aufstieg zur bundesweiten pädagogischen Kapazität fort - bis ihm Jürgen Dehmers in die Quere kam.

Das Altschülertreffen 1997 brachte bei dem Sportstudenten "das Fass zum Überlaufen": Dort sei Becker dieselbe Verehrung entgegengebracht worden wie eh und je, zudem habe ausgerechnet der Ex-Schulleiter eine pädagogische Podiumsdiskussion geleitet. Das reicht, dachte sich Dehmers und schrieb Becker den ersten von mehreren Briefen. In einem davon heißt es: "Du musst gewusst haben, was Du tust, und hast es nicht geändert. Es ist mir unbegreiflich." Am Ende schreibt er: "Nach Ansicht von Experten wird Pädophilie im Alter eher schlimmer denn besser. Ich möchte, dass Du weißt, dass ich das weiß."

Am 18. November 1997 schrieb Becker zurück: "Es gibt manches in diesen 61 Jahren, für das ich mich schäme oder schuldig fühle." Und: "Wenn ich Dich als 14- oder 15-Jährigen gekränkt, verletzt, beleidigt oder geängstigt habe, dann musst Du mir bitte glauben: Das wollte ich sicher nicht! Wenn es dennoch so war, dann bitte ich Dich jetzt dafür sehr ernsthaft um Verzeihung"; gezeichnet: "Dein Gerold". In den übrigen Briefen geht Becker auf die Vorwürfe nicht mehr ein, dafür sei er zu "müde und unkonzentriert" .

Damit allein wollte es Dehmers nun nicht mehr bewenden lassen. Gemeinsam mit Torsten Wiest wandte er sich im Juni 1998 an die Odenwaldschule, die sie der "Mittäterschaft" bezichtigen. Und die Schule reagierte bemerkenswert. Mehrmals, sagen Dehmers und Wiest, habe der damalige Schulleiter Wolfgang Harder, ein langjähriger Weggefährte Gerold Beckers, mit ihnen telefoniert. Bei dieser Gelegenheit habe er dreimal betont, er habe gewusst, dass Becker pädophil sei, aber gedacht, dieser könne "verantwortungsvoll" damit umgehen. Das freilich bestreitet Harder, das Wort "pädophil" habe er nie benutzt, allenfalls das Wort "schwul" .

Zugleich wurde der Vorstand des Trägervereins - der ebenso wenig wie Harder Anlass sieht, an den Vorwürfen der Schüler zu zweifeln - aktiv. Er bat Becker zur Aussprache und meldete Dehmers und Wiest anschließend: "Gerold Becker hat gegenüber dem Vorstand den Vorwürfen nicht widersprochen und seine Funktionen und Aufgaben im Trägerverein und im Förderkreis der Odenwaldschule niedergelegt."

Anfang Juli 1998 trafen sich Dehmers, Wiest und Harder in Frankfurt. Mit dabei: der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi als Vize-Vorsitzender des Trägervereins. In diesem Gespräch räumte die Schule ein, den "Gerüchten" über Becker nie nachgegangen zu sein - dies sei "ein Versäumnis". Zugleich wurde vereinbart, "das Problem des sexuellen Missbrauchs" umfassend an der Odenwaldschule zu erörtern. Danach hörten die Schüler monatelang nichts mehr von ihrer alten Schule.

Erst im vergangenen März rangen sich die Reformpädagogen zu einer Tagung durch - Thema: "Zusammenleben der Geschlechter und Generationen". Tagesordnungspunkte: "Strukturelle Voraussetzungen des Zusammenlebens" , "Finden eines Minimalkonsenses zu Werten, Normen, Regeln", "Gemütliches Beisammensein in der Theaterhalle" . Ergebnis: "Bildung einer Arbeitsgruppe, die am Erkenntnisstand weiterarbeitet."

Die Tagung war ein absoluter Flop", sagt ein beteiligter Lehrer, "die Angelegenheit Becker wurde mit kaum einem Wort erörtert." "Die kompetenten Leute, die dabei sein sollten, haben wir dort nicht gesehen" , moniert eine Lehrerin. "Es ist zu wenig Aufklärung geschehen - ich weiß nicht, warum", sagt ein Dritter.

Eine offene Auseinandersetzung mit den Missbrauchs-Vorwürfen, da sind sich alle drei Pädagogen einig, habe vor allem Ex- Schulleiter Wolfgang Harder verhindert, der Mitte dieses Jahres ausschied. Schon zu Beckers Zeiten habe er immer wieder betont, Gerüchten werde er nicht nachgehen. Dasselbe Argument habe er gebraucht, als Becker Anfang 1998 für einige Monate als Ersatzlehrer an die Schule zurückkehrte. Und auch nach Bekanntwerden der Vorwürfe habe er sich für Becker verwendet. So sei er in einer Sitzung des Trägervereins Mitte 1998 "mit keinem Wort" auf die Vorwürfe eingegangen, so ein Teilnehmer. Auf die Frage, wo denn Vereinsmitglied Becker sei, habe Härder geantwortet: "Auf dem Kirchentag."

Das ganze Thema sei von Schulleitung und Vorstand "faktisch totgeschwiegen worden" , schimpfen die drei Pädagogen, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen wollen, weil die Schule inzwischen einen "Maulkorb" verhängt habe.

"Wer hätte reden wollen, der hätte reden können", sagt Peter Conradi, für den die Odenwaldschule "ihrer Sorgfaltspflicht Genüge getan" hat. Die Notwendigkeit, die Sache publik zu machen, kann der SPD-Politiker beim besten Willen nicht erkennen. Schließlich habe der Vorstand die Vorwürfe geprüft und sei zu dem Ergebnis gekommen, sie seien nach fast 15 Jahren nicht mehr "strafrechtlich relevant". So urteilte auch die Staatsanwaltschaft Darmstadt, die das von Dehmers initiierte Verfahren jüngst wegen Verjährung einstellte.,

Und so geht Gerold Becker einstweilen seiner Wege und zeigt sich, zwar nicht mehr in der Vereinigung der Landerziehungsheime, aber andernorts als gern gehörter Redner und Experte. Ende November zum Beispiel wird er auf einer bildungspolitischen Tagung in Gütersloh zu Wort kommen. Für Peter Conradi kein Grund zum Missmut: "Es liegt nicht in der Verantwortung der Odenwaldschule, wo Herr Becker Vorträge hält."

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