Der ehemalige Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, hat jahrelangen sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen eingeräumt und sich öffentlich dafür entschuldigt. In einem knappen, der Frankfurter Rundschau vorliegenden Brief an Vorstand und Leitung der Unesco-Modellschule schreibt der 73-Jährige: "Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und Leiter der Odenwaldschule war (1969-1985), durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedauere ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung."
Diese Bitte, so Becker, beziehe sich "ausdrücklich auch auf alle Wirkungen, die den Betroffenen erst später bewusst geworden sind". Er sei zu einem Gespräch mit den betroffenen Schülern bereit. Becker, einer von Deutschlands führenden Reformpädagogen, war bereits 1999 öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt worden.
Mehrere seiner Ex-Schüler warfen ihm damals mehrere hundert sexuelle Übergriffe bis hin zum erzwungenen Oralverkehr vor. Das tatsächliche Ausmaß des Skandals blieb seinerzeit jedoch im Verborgenen, auch weil einflussreiche Weggefährten Beckers eine schonungslose Aufklärung zu verhindern verstanden. Der Anwalt eines Opfers warf am Freitag zudem dem hessischen Kultusministerium und der Staatsanwaltschaft Darmstadt skandalöse Untätigkeit vor (siehe nebenstehenden Bericht).
Vor zwei Wochen war der Skandal erneut publik geworden. Inzwischen geht die Schule von mindestens sieben weiteren Lehrern aus, die darin verwickelt sind. Rund 40 betroffene Altschüler haben sich bei dem südhessischen Internat gemeldet. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt erneut.
In seiner schriftlichen Entschuldigung schreibt der schwer kranke Becker: "Personen und Institutionen, mit denen ich in den vergangenen 40 Jahren zusammengearbeitet habe und die durch mein Verhalten beschädigt worden sind, bitte ich ebenfalls um Entschuldigung."