Die Odenwaldschule (OSO) muss wegen des Missbrauchsskandals einen Rückgang der Schülerzahlen hinnehmen. Die Neuanmeldungen für das neue Schuljahr seien niedriger als in den früheren Jahren, sagte der Vorstands-Sprecher des südhessischen Internats, Johannes von Dohnanyi, am Donnerstag in Heppenheim. Gestern begann die 100-Jahr-Feier der Schule, die bis Sonntag andauert.
Die Zahlen seien allerdings weniger stark gesunken, als man befürchtet habe. Es gebe "weiter ein hohes Interesse von Eltern" an der reformpädagogischen Institution. "Wir haben keine Sorge, dass die OSO in eine finanzielle Schieflage kommen könnte", sagte von Dohnanyi. Genaue Zahlen nannte der Sprecher nicht.
Bisher hatte die OSO 220 Schüler. Man werde in jedem Fall über 200 bleiben, so von Dohnanyi. Die OSO sei heute "die sicherste Schule in Deutschland", und man werde dafür sorgen, dass es so bleibt, versprach er.
Die Finanzmittel der Schule sind allerdings offenbar so knapp, dass sie den Altschülern, die in den 70er und 80er Jahren unter anderem von damaligen Schulleiter Gerold Becker sexuell missbraucht wurden, auf absehbare Zeit keine Entschädigungen zahlen wird. Das geht aus einem Brief hervor, den der Vorsitzende des OSO-Trägervereins, Michael Frenzel, an einen Anwalt der Missbrauchsopfer gerichtet hat.
Die Schule sei "naturgemäß durch die Schlagzeilen, die sie seit März diesen Jahres gemacht hat, in eine schwierige betriebswirtschaftliche Lage gekommen", schreibt Frenzel. Nur wenn es gelinge, die OSO "wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, ihr Ansehen zu heben und damit wieder einen Zuwachs an neuen Schülern zu bekommen, wird sie künftig auch in der Lage sein, sich Entschädigungsansprüchen der Opfer zu stellen - was keine Anerkenntnis im juristischen Sinne darstellt."Frenzel bittet "um Verständnis, dass trotz der sicherlich berechtigten Belange Ihrer Mandanten der Vorstand es nicht zulassen kann, dass 140 Arbeitsplätze massiv gefährdet werden und über 200 Schüler möglicherweise ihre Schule verlieren, weil kurzfristig Entschädigungsansprüche gestellt werden". Frenzel gibt vage an, es sei ein "Anerkennungsfonds" für mögliche Zahlungen in Planung.
Der Opfer-Anwalt einer Reihe von Missbrauchsopfern, der Frankfurter Jurist Thorsten Kahl, zeigt sich über die Ablehnung empört. Entschädigungszahlungen bedeuteten nicht nur eine symbolische Wiedergutmachung. Damit könnten zum Beispiel auch Kosten ausgeglichen werden, die für die psychologische und psychiatrische Betreuung der Opfer anfielen. Die Schule "hätte auf das Fest verzichten sollen. Denn es gibt nichts zu feiern", sagte Kahl der FR. Wenn die OSO kein Geld flüssig habe, dann solle sie "einen Teil ihrer Ländereien verkaufen".
Die Missbrauchsfälle waren im Frühjahr durch FR-Berichte bekannt gewordenen. Bei dem Jubiläum versucht die OSO unter einem neuen Vorstand, mit Veranstaltungen zum Thema Missbrauch die lange verschleppte Aufarbeitung voranzutreiben.
Am heutigen Freitagabend soll ein "Wahrheitsforum" stattfinden. Dazu sind Betroffene und Täter eingeladen. Die OSO rechnet jedoch inzwischen nicht mehr damit, dass tatsächlich Täter kommen werden.
Nach aktuellen Kenntnissen hatten mehr als zehn Lehrer sexuellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen bis hin zur Vergewaltigung. Die Zahl der Opfer - bisher mit rund 50 angegeben - liegt nach Angaben zweier Juristinnen, die den Skandal aufarbeiten, "sehr viel höher".