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Odenwaldschule: Missbrauch hat viele Gesichter

Ich habe eins der Opfer gekannt und hatte bei mehreren anderen "eine Ahnung". Dass Gerold Becker "was mit Schülern hatte", war ein offenes Geheimnis, schreibt Christiane Brückner in einem Gastbetrag für die FR.

Gerold Becker, Leiter der Odenwaldschule von 1972 bis 1985, beim Unterricht.
Gerold Becker, Leiter der Odenwaldschule von 1972 bis 1985, beim Unterricht.
Foto: ddp

Ich war von 1975 bis 1977 Schülerin der Odenwaldschule. Ich war 15 als ich kam und 18 als ich ging. Ich mochte Gerold Becker und wusste, so wie meine Freundinnen, dass Gerold "was mit Schülern hatte". Das war ein offenes Geheimnis. Was es bedeutete, war mir und wohl auch den anderen nicht im Entferntesten klar.

Dass es Missbrauch war, wurde mir 1999 klar, als ich den Artikel in der FR las, den meine Eltern für mich ausgeschnitten hatten. Zu der Zeit arbeitete ich bereits ein Jahr bei Wildwasser Berlin. Auch hatte ich mich Ende der 70er im neu gegründeten "Notruf für vergewaltigte Frauen" länger mit dem Thema Vergewaltigung auseinandergesetzt. 1983 gründete sich der Verein Wildwasser, der erstmalig Missbrauch öffentlich thematisierte. Missbrauch an Jungen wurde erst ab Ende der 80er zum öffentlichen Thema.

Margarita Kaufmann, Leiterin der Odenwaldschule, ringt mit der Fassung.
Margarita Kaufmann, Leiterin der Odenwaldschule, ringt mit der Fassung.
Foto: dpa

Ich war kein Opfer gewesen und hätte auch keine juristisch verwertbaren Angaben machen können. Ich gehörte zu den Wissenden, hatte eins der Opfer gekannt und bei mehreren anderen "eine Ahnung". Zu denen hatte ich keinen Kontakt mehr. Dass sie damals zum Teil so fertig waren, Drogen nahmen und mit ihrem Leben nicht klarkamen, den Zusammenhang stellte ich weder damals noch lange später her.

Als jetzt die Missbrauchsfälle am Canisius Colleg bekannt wurden, hoffte ich, dass auch die Vorfälle an der Odenwaldschule endlich öffentlich würden. Theoretisch ist mir klar, dass es sich nicht um Einzeltäter handeln kann. Und doch kam mir erst vor kurzem der Gedanke, dass Gerold vielleicht nicht der Einzige gewesen war! Diese Tatsache sowie das Ausmaß war mir und sicher den wenigsten damals bewusst. Und später, bis heute, habe ich es mir, wider besseres Wissen, nicht bewusst gemacht.

Ich glaube, dass ich mir während meiner zehnjährigen Arbeit mit traumatisierten Mädchen und jungen Frauen ein umfangreiches theoretisches und Erfahrungswissen zu dem Thema angeeignet habe. Es scheint, als ob die blinden Flecken umso größer sind, je näher sich Missbrauch im eigenen Umfeld abgespielt hat. Denn in Situationen, in welchen ich außenstehend war, erkannte ich relativ schnell, dass es sich bei den Ereignissen um Missbrauch handelte.

Die Geschehnisse an der Odenwaldschule betrafen und betreffen nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern wirken bis hin zur jetzigen Offenlegung auch auf die indirekt betroffen. Es geht dabei weniger um eigene Mitschuld, sondern um Verstehen. Freie Liebe und Tabubruch hallten damals als Lebensgefühl und -vorstellung von den 68ern nach. Hiermit möchte ich nicht falsch verstanden werden: dies rechtfertigt in keinster Weise Missbrauch von Schutzbefohlenen! Das muss unterschieden werden, auch wenn es damals zum Teil vermischt und missverstanden wurde. Zu dieser Unterscheidung waren wir SchülerInnen jedoch nicht in der Lage. Dies wäre Aufgabe der Erwachsenen gewesen.

Auf die Idee, den Eltern davon zu erzählen, bin ich nie gekommen. Obwohl der freizügige Umgang der Schul(leitung) mit Sexualität Thema mehrerer Gespräche zwischen dieser und meinen Eltern war. Gerold stellte sich, für mein Gefühl, schützend vor mich, wofür ich ihm damals sehr dankbar war. Was hätte ich erzählen sollen? Es war doch alles normal.

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Autor:  Christiane Brückner
Datum:  16 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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