An der Odenwaldschule (OSO) wurden Schüler offenbar noch bis weit in die 90er Jahre hinein von Lehrern sexuell missbraucht. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau liegen der Schulleitung inzwischen Berichte von ehemaligen Schülern vor, die grausige Rituale aus der jüngeren Vergangenheit schildern. "Das sprengt unsere Vorstellungskraft", sagte Rektorin Margarita Kaufmann am Dienstag. Sie habe zudem Hinweise, dass sich mehrere missbrauchte Ex-Schüler nach ihrer Zeit an der OSO umgebracht hätten. Der jüngste dieser Fälle datiert auf das Jahr 1999.
Nach Auskunft von Kaufmann haben sich an Ostern weitere Missbrauchsopfer im südhessischen Ober-Hambach gemeldet, die auch von "furchtbaren Misshandlungen von Schülern an Schülern" berichtet hätten. Dazu habe das Versengen und Verbrühen von Genitalien gehört, Minderjährige seien von Schulkameraden als "Sandsack missbraucht" und vor anderen erniedrigt worden. Ein Altschüler habe die Vorgänge, die bis weit in die 90er Jahre reichten, mit der filmischen Gewaltorgie "Clockwork Orange" verglichen.
Lehrer blieb untätig
Besonders heikel: Mehrere Schüler sollen inzwischen einen Vorfall beschrieben haben, bei dem ein gefesselter Schüler von Mitschülern mit einer Banane vergewaltigt worden sei - der verantwortliche Lehrer habe untätig danebengestanden. Derselbe Lehrer wird beschuldigt, in seiner Zeit an der Unesco-Modellschule sowohl Jungen als auch Mädchen missbraucht zu haben.
Nach FR-Informationen handelt es sich um den Pädagogen Jürgen K., der bis 1999 im Odenwald tätig war und der zu den Lehrern zählt, die eine ihrer Ex-Schülerinnen geheiratet haben. K. gehörte 1999, als die Vorwürfe gegen den Ex-OSO-Rektor Gerold Becker erstmals publik wurden, zu den vehementesten Verteidigern der Schule. Im Januar 2000 schrieb er einen Brief an einen aufklärungswilligen Ex-Kollegen, den er massiv beschimpfte.
In dem Brief, welcher der FR vorliegt, schrieb er über die Weigerung von Beckers Nachfolger Wolfgang Harder, Gerüchten über sexuellen Missbrauch nachzugehen: "Recht hatte er!" Über seine spätere Frau merkt er an, er habe sie "unter den vielen wunderschönen und gescheiten Jungfrauen in Oberhambach als die geeignetste" ausgesucht und "quasi von der Schulbank weg" geheiratet.
Der Brief endet mit dem Ratschlag an den Ex-Kollegen: "Hündchen sollt nicht höher pinkeln als Beinchen heben kann." K. ist einer von acht beschuldigten Lehrern, gegen welche die Staatsanwaltschaft Darmstadt aktuell ermittelt.
Schulleiterin Kaufmann sagte, sie gehe nach jetzigem Stand davon aus, dass "mehr als acht Lehrer" von Ex-Schülern belastet worden seien. Die Zahl der Missbrauchsopfer liege nach einer vorläufigen Zählung bei etwa 40. Darüber hinaus kenne sie inzwischen namentlich vier Altschüler, die nach ihrer Zeit im Odenwald Suizid verübt hätten. Von allen vier berichteten Ex-Schulkameraden, dass sie ebenfalls missbraucht worden seien. Über die jüngsten Vorwürfe äußerte sich Kaufmann schockiert. "Ich frage mich, wie das passiert sein kann, ohne dass Lehrer die schrecklichen Schmerzensschreie gehört haben." Alle neuen Fälle seien in die Amtszeit von Beckers Nachfolger Wolfgang Harder gefallen.
Wann wusste Harder was?
Dieser beteuert bis heute, er habe erst Mitte 1998, als sich zwei Altschüler brieflich an die Schulleitung wandten, von den sexuellen Übergriffen erfahren. Beim hessischen Kultusministerium liegt inzwischen jedoch die eidesstattliche Versicherung einer Ex-OSO-Mitarbeiterin vor. Sie schwört, Harder schon Mitte der 80er Jahre auf einen Vorfall hingewiesen zu haben. Damals habe ihr ein verstörter Schüler berichtet, er habe die Nacht mit Becker verbracht und als "Belohnung" einen Kassettenrekorder und ein Paar Schuhe erhalten.
Harder, der später Initiator der bundesweit bekannten "Blick über den Zaun"-Schulen wurde, habe seinerzeit jedoch nicht reagiert. Auch gegen ihn wird aktuell ermittelt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt sagte am Dienstag, die Ermittlungen konzentrierten sich auf die Frage, ob es an der Odenwaldschule strafrechtlich noch nicht verjährte Übergriffe gegen Schüler gegeben habe. Wann mit ersten Ergebnissen zu rechnen sei, sei bislang völlig offen.