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Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

12. Januar 2013

Odenwaldschule Sexuelle Gewalt: Aufarbeitung vorerst gescheitert

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Die Odenwaldschule ist noch weit entfernt von einer wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Missbrauchsgeschichte. Foto: dpa / Boris Roessler

Die Aufklärung des Missbrauchs von Kindern an der Odenwaldschule stockt. Internat und Opferverein „Glasbrechen“ können sich nicht über die Besetzung eines Beirates einigen. Der Vermittler fühlt sich an die Vorgänge bei der katholischen Kirche erinnert.

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Die Aufklärung des Missbrauchs von Kindern an der Odenwaldschule stockt. Internat und Opferverein „Glasbrechen“ können sich nicht über die Besetzung eines Beirates einigen. Der Vermittler fühlt sich an die Vorgänge bei der katholischen Kirche erinnert.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche kommt nicht voran. Das gilt nicht nur für die Fälle in der katholischen Kirche, sondern erst recht für jene an der Odenwaldschule.

Dort sind bisher keine Wissenschaftler beauftragt worden, um entsprechende Studien zu erarbeiten. Der Vorsitzende des Opfervereins „Glasbrechen“, Adrian Koerfer, sagte, untersucht werden müssten „insbesondere das Täterverhalten, die Mitwisserschaften und die Vertuschung der Taten seitens der Odenwaldschule“.

Im Oktober hatten sich Vertreter der Schule und der Opfer unter Vermittlung des Grünen-Landtagsabgeordneten Marcus Bocklet verständigt, einen gemeinsamen Beirat zu benennen, der Aufträge an Wissenschaftler herausgeben soll. Nun scheint nicht einmal die Berufung des Beirats zu gelingen.

Der Langenselbolder Rechtsanwalt Michael Frenzel, der die Verhandlungen für die Opferseite koordinierte, hat nach Bocklets Angaben „das Scheitern der Einberufung des Beirats erklärt“. Frenzel war am Freitag nicht zu erreichen. hr-online zitierte ihn mit den Worten, der Trägerverein wolle keine ernsthafte Aufarbeitung vornehmen lassen und setze auf den Faktor Zeit und Vergessen. Der Vorsitzende des Trägervereins der Schule, Gerhard Herbert, beteuerte das Interesse der Odenwaldschule an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Zerstritten haben sich die beiden Seiten bei der Besetzung des Beirats. Die Odenwaldschule akzeptiert in dem achtköpfigen Beirat eine Frau nicht, die von „Glasbrechen“ benannt wurde. Es geht um Stefanie Michael, jene frühere Odenwaldschülerin, die durch ihre Petition an den Landtag vieles ins Rollen gebracht hat.

Schule lehnt Besetzungsvorschlag ab

Die Schule betonte, sie lege „Wert auf Unabhängigkeit und ausgewiesene wissenschaftliche Kompetenz der Mitglieder“. Trägervereins-Vorsitzender Herbert sagte der Frankfurter Rundschau, diese Voraussetzungen sehe die Schule bei Stefanie Michael nicht als erfüllt an.

Der „Glasbrechen“-Vorsitzende Koerfer teilte mit, seine Organisation halte an ihren personellen Vorschlägen fest. „Der Wissenschaftliche Beirat soll lediglich die Form der Ausschreibung für eine außerschulische, wissenschaftliche Aufarbeitung entwickeln, deren Ausschreibung überwachen und beratend an der Untersuchung teilhaben“, sagte er.

Der Abgeordnete Bocklet sieht „Glasbrechen“ im Recht. Es sei vereinbart worden, dass beide Seiten jeweils vier Mitglieder des Beirats benennen dürften. Ein „Vetorecht“ gegen Vorschläge der anderen Seite gebe es nicht. „Wie weit soll die Zensur gehen?“, fragte Bocklet. Er fühle sich an die Vorgänge bei der katholischen Kirche erinnert. Die Religionsgemeinschaft steht im Streit mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer, der in ihrem Auftrag die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der Kirche aufarbeiten sollte. Politiker Bocklet äußerte aber die Hoffnung, dass es in den nächsten Tagen doch noch eine Einigung gibt.

Opfer-Vertreter treffen sich am Wochenende

„Glasbrechen“ trifft sich am Wochenende zur Mitgliederversammlung. Dort soll auch diskutiert werden, ob man einem Vorschlag zur Entschädigung von Opfern zustimmt. Er war in einer Arbeitsgruppe mit Vertretern des Trägervereins, des Altschülervereins und von „Glasbrechen“ erarbeitet worden.

Vorgesehen ist eine Zahlung von 50.000 Euro an den Opferverein, der bisher gut 60.000 Euro erhalten hat. Außerdem wurde ein Verfahren ausgehandelt, wie Opfer über „Glasbrechen“ Zahlungen von der Stiftung „Brücken bauen“ abrufen können. „Brücken bauen“ war von der Odenwaldschule eingesetzt worden und hat nach ihren Angaben bisher mehr als 300.000 Euro an Opfer ausgezahlt. Die Stiftung wird aber nicht von allen Opfern akzeptiert. Nur ein kleiner Teil der mehr als 130 Opfer hat bisher Geld erhalten.

Koerfer betonte, es gebe bisher keine Einigung in Fragen der Entschädigung, da die Gremien noch darüber beraten müssten. Die Odenwaldschule und der Altschülerverein hatten dem Papier bereits zugestimmt. Sie erkennten damit die Arbeit von „Glasbrechen“ als Anlaufstelle für Betroffene an, formulierte die Odenwaldschule.

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