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Oskar Negt im FR-Interview: Ein Reformer klagt an

Zum Beispiel?

Etwa jahrgangsübergreifender Unterricht, das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern. Auch der Projektunterricht ist ein wichtiges Element der modernen Pädagogik geworden.

Bischof Walter Mixa sagt, die von der 68er Generation erstrittenen sexuellen Freiräume hätten erst den Boden für Missbrauch geschaffen. Ist da was dran?

Ich glaube nicht, dass dies die Folge der 68er Bewegung ist. Und Mixas Argumentation weicht dem eigentlichen Problem völlig aus. Ob an der Odenwaldschule oder bei den Regensburger Domspatzen: In beiden Fällen geht es um den Missbrauch von Macht. Parallelen gibt es außerdem bei der mangelnden Aufarbeitung der Fälle. "Totale Institutionen", wie die Soziologen Einrichtungen nennen, die den Unterworfenen kaum Handlungsalternativen offen halten, neigen zur phantasiereichen Entwicklung von Vertuschungsstrategien. Die Katastrophe ist doch neben dem eigentlichen Missbrauch das Verdrängen, der Mangel an Reflexion und die Angst vor der Nestbeschmutzung. Die kritische Öffentlichkeit ist ein wesentliches Element bürgerlichen Denkens. Das hat hier komplett versagt.

Was können Schulen künftig besser machen, wenn es sexuellen Missbrauch gibt?

Wo der Verdacht aufkommt, müssten Lehrer und Schulleitung verpflichtet sein, das sofort öffentlich zu machen. Außerdem müssen wir einen Blick auf die Lehrerbildung werfen. Hier darf es nicht nur um Methodik und Didaktik gehen, sondern auch um eine Form der Charakterbildung als Produkt des Denkens. Kant würde sagen: Wenn man Mündigkeit herstellen will, muss man das immer verknüpfen mit dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Wenn das in einer totalen Institution wie dem Gefängnis oder einer Internatsschule, in der Abhängigkeitsverhältnisse missbraucht werden, nicht geschieht, dann wird es gefährlich. Es beschädigt nicht nur den Einzelnen, es beschädigt das Gemeinwesen.

In den 50er und 60er Jahren war körperliche Gewalt an Schulen gang und gäbe. Heute werten wir Ohrfeigen wie die des Papst-Bruders als Missbrauch. Hat sich unsere Wahrnehmung zum Positiven hin verschoben?

Das ist bei allem Schrecklichem, was jetzt ans Licht kommt, eine gute Entwicklung in der Pädagogik, auch in der Schulwirklichkeit. Und um auf die Anfangsfrage und Dante zurückzukommen: Man muss trotz systematischem Missbrauch nicht "alle Hoffnung fahren lassen". Für jedes einzelne Opfer ist der Missbrauch eine große Katastrophe, aber es stellt nicht unsere Pädagogik als Ganzes in Frage. In den Schulen bewegt sich sehr viel, vor allem in den Grundschulen. Lehrer und Gesellschaft reagieren heute sensibler auf Verletzungen und Grenzüberschreitungen als noch vor 20 Jahren. Das ist ein großer Erfolg.

(Interview: Katja Irle)

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Datum:  18 | 3 | 2010
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