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Oskar Negt im FR-Interview: Ein Reformer klagt an

Der Soziologe Oskar Negt hat in den 70ern eine reformpädagogische Schule mitbegründet. Im Interview wirft er der Odenwaldschule die Missachtung pädagogischer Grundsätze vor.

Oskar Negt.
Oskar Negt.
Foto: dpa

Herr Negt, Sie haben einmal über den Großteil der öffentlichen Schulen gesagt, dort könne am Eingang das Höllen-Motto aus Dantes Göttlicher Komödie stehen: "Wer hier durchgeht, lasse alle Hoffnung fahren." Nach den Missbrauchsfällen an katholischen Schulen und Internaten wie der Odenwaldschule und Salem erscheint die öffentliche Durchschnittsschule doch fast als Hort der Zivilisation?

So werden es viele auch wahrnehmen. Ich sehe dennoch keine Notwendigkeit, meine Kritik von damals zu revidieren. Die öffentlichen Schulen bleiben reformbedürftig, weil an vielen ein Großbetrieb herrscht, der die kleinen erfahrbaren Lern-Einheiten aufgezehrt hat. Nicht selten wird den Kindern und Jugendlichen die Lust am Lernen erst in der Schule ausgetrieben.

Oskar Negt
Oskar Negt
Foto: dpa

Besser lernen im Massenbetrieb als Missbrauch auf einer so genannten pädagogischen Insel, könnte man jetzt argumentieren.

Diese Entweder-oder-Bewertung wird doch dem Thema Missbrauch nicht gerecht. Gefahr besteht überall dort, wo die Nähe zum Menschen ein Tätigkeitsmerkmal ist. Nicht nur in Schulen, auch in Kinderheimen, in Seniorenheimen bei der Pflege. Verschärfter Leistungsdruck, durch betriebswirtschaftlichen Allmachtswahn und Kostenreduktionen, erhöht die Gefahr eines Missbrauchs.

Wie sollen Pädagogen künftig mit der Frage nach Nähe und Distanz umgehen?

Man kann beides nicht voneinander trennen. Deshalb muss ein Pädagoge diese Problematik immer wieder reflektieren. Das ist eine schwierige Balance-Arbeit, aber an ihrem Gelingen würde ich die Professionalität eines Lehrers festmachen. Wir brauchen Distanz, weil sie die Kinder schützt und sie zugleich auch im Umgang mit dem Fremden schult. Andererseits gibt es ohne Nähe keine Persönlichkeitsentwicklung, keine Identität.

Was bedeutet das konkret für den pädagogischen Alltag?

Ein Lehrer muss sich zum Beispiel immer wieder neu fragen: Wie weit kann ich gehen, wenn ich Kinder trösten muss? Darf ich sie berühren? Muss ich sie sogar berühren? Man kann Zärtlichkeit im Sinne von Beruhigen und Schutzgeben in der Pädagogik nicht völlig ausklammern. Wenn aber Nähe in einer Schule alles definiert, was den Lern- und Lebenszusammenhang der Kinder betrifft, dann ist das fatal.

Ist das eine Erklärung für den Missbrauch an der Odenwaldschule?

Unter anderem. Dabei war ja der ursprüngliche Ansatz dieser Lern- und Lebensgemeinschaft ein ganz anderer, nämlich die Kinder zur Autonomie und Kritikfähigkeit zu erziehen. Stattdessen ist, jedenfalls in den ruchbar gewordenen Fällen, die Distanz zwischen Lehrer und Schüler komplett verloren gegangen. Selbst wenn auch nur ein Teil der jetzt erhobenen Vorwürfe stimmt, dann herrschten an der Odenwaldschule zutiefst problematische Verhältnissen, die jeder kannte oder doch ahnte, ohne sie öffentlich zu machen.

Zu Teilen der Reformpädagogik gehören auch die Männerbünde, das Homoerotische und die Überzeugung, dass so etwas die geistige Entwicklung fördert. Wieso hat man so lange die Augen davor verschlossen, dass dieser Überbau hilft, Missbrauch zu legitimieren?

Man hat nicht nur die Augen verschlossen, sondern hat das gewollt. Man bezog sich auf Traditionen, die zurückgehen bis auf Platon, der von einer gewissen Intimität, auch der körperlichen Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ausging, um die Heranwachsenden in ihrer Reifung zu fördern.

Die Idee des pädagogischen Eros.

Genau. Diese Tradition war bei der Gründung aller Landerziehungsheime vorhanden und hat sich offenbar sehr viel länger gehalten, als uns bewusst ist. Diese Rückbesinnung auf ein quasi intimes Lehrer-Schüler-Verhältnis hat dann dafür gesorgt, dass die wahren Herrschaftsstrukturen zwischen Lehrer und Schüler verwischt wurden. Das ist hoch gefährlich, weil dabei das tatsächliche Machtverhältnis nicht mehr reflektiert wird.

Solche Strukturen gab es an der alternativen Glockseeschule nicht, die Sie 1972 in Hannover mitgegründet haben?

Ich habe immer auf einer Form der rationalen Öffentlichkeit bestanden. Deshalb gibt es dort bis heute eine ganz intensive Elternarbeit. Das schließt sexuellen Missbrauch natürlich nicht prinzipiell aus, aber es macht ihn schwieriger. Übrigens ist mir kein Fall von sexuellem Missbrauch an der Glockseeschule bekannt.

Dem Reformpädagogen Hartmut von Hentig, mit dem Sie seit 40 Jahren befreundet sind, werfen Sie vor, in der aktuellen Debatte die Opfer zu Tätern zu machen. Warum?

Von Hentig hat in der Süddeutsche Zeitung gesagt, wenn überhaupt, dann habe höchstens einmal ein Schüler den Lehrer Gerold Becker verführt, also seinen langjährigen Lebensgefährten - nicht umgekehrt. Das verschiebt die Perspektiven von Opfern und Tätern völlig, und das ist unerträglich. Das widerspricht im Übrigen allem, wofür Hentig in seinem Leben eingetreten ist. Er begreift sich ja mit Recht als Aufklärer im Sinne Kants, nämlich Aufklärung als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Ist die reformpädagogische Idee der "Pädagogik vom Kinde aus" nun völlig diskreditiert?

Nein, ganz und gar nicht. Bei der Reformpädagogik muss man genau hinschauen, von welchen Konzepten man redet. Mir persönlich waren die privaten Internate und Schulen in der Tradition der Landerziehungsheime immer etwas suspekt. Zum einen, weil sie einen elitären Geruch hatten. Zum anderen, weil ich die Herausnahme der Kinder aus der normalen Lebenswelt für problematisch halte. Nach wie vor aktuell und wichtig sind jedoch reformpädagogische Ansätze, in denen verschiedene Lernformen ausprobiert werden.

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Datum:  18 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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