Schmerzlicher Prozess
Doch mit ihrem belämmerten Schweigen und der gestelzten Erklärung auf ihrem gerade endenden Mainzer Kongress schädigt die pädagogische Fachgesellschaft jene, die an die Öffentlichkeit gehen und Wahrhaftigkeit verlangen. Sich von Lehrern und Vorbildern zu distanzieren, ist ein mitunter schmerzlicher Prozess, der allerdings in die Autonomie führt. Bisher mangelt es vielen Pädagogen augenscheinlich an eben dieser Eigenständigkeit des Denkens und Handelns, die sich - grimmige Ironie der Geschichte - die Reformpädagogen um von Hentig und Becker auf die Fahnen geschrieben hatte.
Das Versäumnis hat jedoch auch grundsätzlichen Charakter: Externe Kontrolle durch Supervision - in anderen Bereichen der Arbeit mit Abhängigen und Schutzbefohlenen eine Selbstverständlichkeit - ist an Schulen und Internaten kaum unüblich. Allenfalls kommt die fachliche Begleitung durch Experten dann in Betracht, wenn das Problem bei den Schülern ausgemacht wird - nahezu nie bei den Lehrerkollegien und ihren menschlichen Schwächen und Belastungen. Die Arbeit mit Minderjährigen und Schutzbefohlenen führt jedoch zwangsläufig zu Verstrickungen in Einzel- und Gruppenkontexten, zu Konflikten und Fehlhaltungen.
Unverständlich bleibt, dass in den allermeisten psycho-sozialen, psychiatrischen oder Beratungseinrichtungen Supervision zum Qualitätsmanagement zählt, ohne die eine Zertifizierung scheitert, ein Problembewusstsein an Schulen jedoch für diese korrigierende und der Psychohygiene auch der Lehrer dienende Maßnahme weitgehend fehlt.
Zu große Nähe, mangelnde professionelle Distanz, die im Übrigen keineswegs einer freundlich-zugewandten Atmosphäre widersprechen muss, kann durch Supervision im Vorfeld erkannt und korrigiert werden. Doch dazu bedarf es der Bereitschaft, sich berufsbegleitend in Frage zu stellen und stellen zu lassen. Davon ist bisher wenig zu erkennen, zumal man in Mainz ausreichend Gelegenheit hatte, Kontrollinstrumente zum Standard zu erheben.
Das Ende der Skandalmeldungen dürfte jedoch noch nicht erreicht sein: Sadistische oder sexuell gefärbte Misshandlungen durch Nonnen an männlichen Kindern und Jugendlichen sind für die Opfer besonders schambesetzt. Vielleicht schweigt auch deshalb diese Opfergruppe bis heute. Möglich aber auch, dass einzelne den Mut finden werden, sich ebenfalls öffentlich zu äußern. Zum Nutzen der vielen Betroffenen und der Wahrhaftigkeit für alle.