Eine fünfzigjährige Frau sucht als neue Patientin eine Frauenärztin auf. Zum Erstaunen der Ärztin erscheint ihre Patientin bei der Vaginaluntersuchung wie jungfräulich. Vorsichtig darauf angesprochen, erklärt die Frau ihre sexuelle Enthaltsamkeit mit einer frühen Missbrauchserfahrung. Sie spreche das erste Mal darüber.
Erneute Verblüffung bei der Ärztin: Ob sie denn niemand anlässlich einer Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) befragt habe. Nein, antwortet die Patientin, sie sei aber sehr erleichtert, erstmals überhaupt die Tatsache des Übergriffs ausgesprochen zu haben.
Opfer sexuellen Missbrauchs hüllen sich oft über Jahrzehnte in Schweigen. Ursache sind nicht nur Scham über die erlittenen Übergriffe, die verwirrenden emotionalen Verstrickungen mit dem Täter oder die Furcht vor Vorwürfen oder eigenen Schuldgefühlen.
Das Tabu, das die Täter dem Opfer auferlegten, das Gebot zu schweigen, wirkt fort. Häufig formulieren die Opfer für sich, sie müssten erst eine Sprache für die Erlebnisse finden oder gar, wie der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, selbst Opfer von sexuellen Übergriffen, sagt, "ich musste mir eine erfinden".
Denn die Sprache ist vergiftet, durch die Wortwahl des Täters, seine Anspielungen und Verharmlosungen. Sie zu wählen, würde eine unerträgliche Nähe zum damaligen Geschehen herstellen und die Distanzierung, die durch das Schweigen mühsam und brüchig hergestellt wurde, sofort aufheben. Unbefangenes Sprechen scheint unmöglich, befangen-verlegenes Stottern steigert Hilflosigkeit und Scham, und die entstehende Wut über diese eigenen Kontrollverluste behindert zusätzlich.
Aus diesen Teufelskreisen kommen viele Opfer zeitlebens nicht heraus. Umgekehrt stellt das Offenbaren der Taten durch die Opfer einen mutigen Emanzipationsversuch dar. Doch der wird gerade durch jene, die es angeht, behindert, ja geradezu torpediert.
Dass die Täter schweigen bis sich die Balken biegen, und dann in die für Pädophile üblichen Ausflüchte verfallen, die die Opfer zu den wahren Tätern zu machen versuchen, wundert nicht. Das Trio infernale der pädophilen Rechtfertigungen besteht aus dem Vorwurf an die Opfer, diese hätten in Wirklichkeit den Täter verführt - also einer Verkehrung von Tätern und Opfern. So zum Beispiel der im Alter nicht weiser gewordene sogenannte Reformpädagoge Hartmut von Hentig (84), der sich allenfalls vorstellen kann, dass sein Lebenspartner von Schülern verführt worden wäre. Womit sich jede weitere Debatte über die Qualitäten von Hentigs erübrigt.
Es fehlt die Kontrolle
Die nächste Verteidigungslinie besteht in der zynischen Behauptung, es habe den Opfern ja eigentlich gefallen und Schaden könne ihnen nicht erwachsen sein. Schließlich begünstigen Ideologien, die die Inzest- und Generationenschranken leugnen, Übergriffe aller Art - etwa, wenn man sich in einer gemeinsamen Familie wie in der Odenwaldschule wähnt, die de facto nicht besteht.
Die vermeintlichen Eltern, die in Wahrheit keine sind, gehen eine Nähe zu ihren Schutzbefohlenen ein, die beinahe grenzenlose Macht beinhaltet und dabei jeder Kontrolle entbehrt. Zudem schmeichelt die Ideologie vom gemeinsamen Lernen und Leben ihren Erfindern, die als Ikonen der Reformpädagogik für ihre Opfer nahezu unangreifbar waren.
Die Ignoranz und das Nicht-wissen-Wollen, das der Patientin bei allen gynäkologischen Untersuchungen im Vorfeld begegnete, betrifft natürlich auch die pädagogische Disziplin als Ganze. Die Überraschung über die Vorfälle im Odenwald und an anderen Schulen ist heuchlerisch: Nicht wenige namhafte Pädagogen waren selbst Schüler derartiger Einrichtungen, intern wusste man natürlich von mindestens einzelnen Übergriffen.
Was beinahe jeder Psychotherapeut in seiner Praxis immer wieder unter Qualen der Opfer geschildert bekommt, kann engagierten Berufspolitikern der pädagogischen Fachgesellschaften nicht verborgen geblieben sein. Strip-Poker, gemeinsames Duschen, Wochenendservice mit ausgeliehenen SchülerInnen, Wecken durch Hände unter Bettdecken oder intensive Einzelkontakte - das alles können die Funktionäre der pädagogischen Disziplin nicht über Jahrzehnte übersehen haben.
Dieses jahrelange stillschweigende Mitwissen, das einer Unterlassungssünde gleichkommt, nun zu offenbaren, würde bedeuten, dass man sich selbst mit beschuldigen würde. Und das erklärt das skandalöse Schweigen jener, die aufgerufen wären, die Opfer, ihren Berufsstand und die Reformpädagogik in Schutz zu nehmen.
Leuten wie von Hentig, die noch nicht einmal eine Demenz als Entschuldigung für ihre Einlassungen vorbringen können, wäre in den Arm zu fallen, wenn nicht öffentlich der Mund zu verbieten. Denn zynische Äußerungen wie die Beschuldigung der Opfer können für diese eine Retraumatisierung bedeuten - mindestens aber eine weitere - diesmal öffentliche Demütigung.
Doch die ehemaligen Lehrer und Vorbilder in die Schranken zu verweisen und sich dabei einzugestehen, dass man wenigstens in Teilen den falschen Aposteln aufgesessen ist, bedeutet ebenfalls eine Beschämung - allerdings der Verantwortlichen für Schulen und pädagogische Konzepte. Die Opfer beweisen mehr Mut als die Schüler und Anhänger der Reformpädagogik. Dabei hätten die Opfer Unterstützung durch berufene Fachleute mehr als nötig. Es unterstützt die Klärungsversuche der Missbrauchsopfer, wenn man sie in ihren Einschätzungen bestätigt und sich auf diese Weise als "Zeuge" an ihre Seite stellt.