Bischöfe werfen einander Intrigen vor, verbreiten Details über Krankheiten von Mitbrüdern. PR-Desaster oder Ankunft in der Realität? Psychologe Grünewald rät im FR-Interview zu Geschlossenheit - und zur Selbstreinigung.
Stefan Grünewald, Psychologe, ist Mitbegründer des Instituts Rheingold für Markt- und Medienanalysen.
Stefan Grünewald, Psychologe, ist Mitbegründer des Instituts Rheingold für Markt- und Medienanalysen.
Herr Grünewald, Bischöfe werfen einander Intrigen vor, verbreiten Details über Krankheiten von Mitbrüdern. PR-Desaster oder Ankunft in der Realität?
Dass all diese Dinge offenbar sehr real sind, vergrößert das Desaster nur noch. Mitten in einer der größten Vertrauenskrisen und gesellschaftlicher Verunsicherung zeigt sich: Nicht einmal mehr die Kirche ist eine Bastion des Vertrauens und der Verlässlichkeit.
Für ihre Kritiker war sie das nie.
Aber selbst in der Kritik ist die Sehnsucht lebendig. Viele Menschen wollen sich ja an etwas halten, das "höher" ist als die Niederungen ihres eigenen Daseins. Derzeit räumt die Kirche selbst mit solchen Illusionen auf und enttäuscht damit viele.
Bischöfe - vom Aufklärer bis zum Unbelehrbaren
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Bischöfe - vom Aufklärer bis zum Unbelehrbaren
Der Liberale: Franz-Josef Bode, 59, Bischof von Osnabrück. Früherer Jugendbischof. Mitglied einer dreiköpfigen Reformkommission, die die Position der Kirche in der pluralen Gesellschaft neu bestimmen soll. Vertreter eines liberalen Kurses. Hat die Machtfrage gestellt: "In einem unfreien und undurchsichtigen Klima werden Missbräuche von Macht und körperlicher Missbrauch begünstigt."
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Der Dialogbereite: Gebhard Fürst, 61, Bischof von Rottenburg-Stuttgart. Wichtiger Vertreter des liberalen Flügels in der Bischofskonferenz. Interessiert am Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft. Verbündeter von Zollitsch. Schon mehrfach durch Kritik an Hardlinern wie Mixa und Meisner aufgefallen. Will im Missbrauchsskandal die katholische Kirche nicht allein an den Pranger gestellt sehen.
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Der Aufklärer: Stephan Ackermann, 47, Bischof von Trier. Als junger, nicht in Altfälle involvierter Bischof zum "Missbrauchsbeauftragten" avanciert. Empathisch, offen, rhetorisch geschickt. Plädiert für schonungslose Aufklärung der Missbrauchsfälle. Weiß, dass von Durchsetzung und Erfolg seine Reputation abhängt. Sieht über die Einzeltäter hinaus eine Mitschuld der Kirche als Institution.
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Der Erschütterte: Kardinal Joachim Meisner, 76, Erzbischof von Köln. Treuester Freund des Papstes - zumindest in der Selbstwahrnehmung. Durfte über das 75. Lebensjahr weiter amtieren, soll aber amtsmüde sein. Lag lange im Dauerwettstreit mit Mixa um die anstößigsten Bischofsworte. Im Missbrauchsskandal auffallend schweigsam. Tief erschüttert, ist aber nicht für strukturelle Veränderungen.
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Der Wissenschaftler: Kardinal Karl Lehmann, 74, Bischof von Mainz. Versteht die Welt nicht mehr: Ist das Thema "Missbrauch" denn nicht seit Jahren Gegenstand kompetenter wissenschaftlicher Untersuchungen, auch in der Kirche? Ärgert sich über Vergesslichkeit und Dummheit in den eigenen Reihen. Kann angesichts der Aufregung über den Missbrauchsskandal seinen Überdruss kaum verbergen.
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Der Unbelehrbare: Gerhard Ludwig Müller, 62, Bischof von Regensburg. Lässt keinen Fettnapf aus. Verteidigt die Kirche bis aufs Messer - das er gerne gegen andere wetzt: Reformkatholiken, Theologieprofessoren, Laien und Journalisten. Katastrophaler Umgang mit einem Missbrauchsfall im eigenen Bistum. Fühlt sich notorisch verfolgt und benutzt zur Gegenwehr auch schon mal Nazi-Vergleiche.
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Der Analytiker: Franz-Josef Overbeck, 46, Bischof von Essen. Der jüngste Bistumschef in Deutschland. Deswegen selbst vom Missbrauchsskandal unbelastet. Mitglied der Reformkommission. Solider, kirchentreuer Theologe. Kühler Analyst des Niedergangs der Kirche in der säkularen Gesellschaft. Hat sich bei Anne Will zu einer moralischen Verurteilung der Homosexualität hinreißen lassen.
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Der Feingeist: Werner Thissen, 71, seit 2002 Erzbischof von Hamburg. Hätte die katholische Kirche gern als diejenige Institution profiliert, die aus ihren Fehlern gelernt hat. Mit dieser Strategie aber am Fall Mixa gescheitert. Verfechter klarer Verfahrensregeln in Missbrauchsfällen. Intellektueller und spiritueller Feingeist, dem verbale Rüpeleien und Kraftmeiereien à la Mixa ein Gräuel sind.
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Der Pragmatiker: Robert Zollitsch, 71, Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Nüchterner Pragmatiker. Muss den Laden zusammenhalten. Lässt die bischöflichen Leitlinien überarbeiten. Hat sich aber auch mit der Justizministerin angelegt, die der Kirche mangelnde Zusammenarbeit mit der Justiz vorgeworfen hatte. Hat Mixa öffentlich eine "Auszeit" empfohlen.
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Der Beinharte: Reinhard Marx, 56, Erzbischof von München. Wartet auf die Ernennung zum Kardinal. Musste auch deshalb alles tun, dass kein Schatten auf den Papst fällt, seinen Vorvorgänger in München. Vertreter eines barocken Konservatismus. Fiel durch extrem scharfes Vorgehen gegen Missbrauchsfälle im Kloster Ettal auf. Hat alle bayerischen Bischöfe auf seine demonstrativ harte Linie gezwungen.
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Wer enttäuscht ist, hat sich vielleicht getäuscht.
Im psychoanalytischen Sinne ist es gut, wenn die Menschen merken, diese Institution ist nichts Überirdisches. Vom Standpunkt des Glaubens aus gesehen, bedeutet es aber eine gewaltige Erschütterung, wenn Seelsorger so aufeinander losgehen oder wenn ein Bischof exzessiver Prügel beschuldigt wird, aus dem Amt gedrängt werden muss und dann mit dem "Rücktritt vom Rücktritt" neue Verwirrung stiftet.
Zu welcher Kommunikationsstrategie raten Sie der katholischen Kirche?
Aufklären und Geschlossenheit demonstrieren.
Geschlossenheit? Es war doch immer einer der Hauptvorwürfe an die Bischöfe, Konflikte zu bemänteln: Ihr tut bloß so, als wärt ihr alle Brüder.
Ich meinte: Geschlossenheit im Willen zur Selbstreinigung. Wenn es unter den Bischöfen so zugeht wie in der französischen Nationalelf, aus deren Kreis die wüstesten Sprüche und Beleidigungen nach außen dringen, dann ist ihr selbst mit der schönsten Kommunikationsstrategie nicht zu helfen.
Gehen wir also vor der PR dem Problem auf den Grund ...
... das ein Führungsproblem ist. Im Fall Mixa etwa müssten der Münchner Erzbischof oder letztlich der Papst ein solches Hin und Her unterbinden. Ausgerechnet in der so hierarchisch strukturierten katholischen Kirche scheint es aber keinen zu geben, der ein Machtwort spricht. Das gehört zum Prinzip geistiger Führerschaft genauso wie das unmissverständliche Bekenntnis, Missstände zu beseitigen. Dass der Papst sich endlich bei den Missbrauchsopfern entschuldigt hat, war dafür immerhin ein erster Schritt.
Schließt geistige Führerschaft die Trennung von denen ein, die ihr im Wege stehen?
Klare Konsequenzen sind unumgänglich. Sie dürfen aber ihrerseits nicht wieder mit Nachtreten und übler Nachrede verbunden sein. Denn sonst gerät die professionelle Sanktion sogleich wieder ins Geflecht von Machenschaften. Das schafft ein neues Gefühl von Intransparenz - und passt überhaupt nicht zum Bild der Kirche als einer Institution, die sich von anderen unterscheiden will.
Haben Sie einen Claim für die Kirche auf Lager?
Wir haben verstanden. Und: Wir geloben Besserung.