Eine neue Debatte über Nähe und Distanz in der Pädagogik hat der Soziologe Oskar Negt angesichts der sexuellen Missbrauchsfälle an Schulen gefordert. Einerseits sei ohne Nähe zwischen Lehrern und Schülern "keine Persönlichkeitsentwicklung und Identität möglich". Andererseits brauche man die professionelle Distanz, weil sie die Kinder schütze. Das sei an der Odenwaldschule und anderswo komplett missachtet worden.
Wenn auch nur ein Teil der Vorwürfe an der Odenwaldschule stimme, "dann herrschten dort zutiefst problematische Verhältnisse, die jeder kannte oder ahnte, ohne sie öffentlich zu machen", sagt Negt im FR-Interview. Kritik übte er auch an der Rückbesinnung auf homoerotische Männerbünde, die Teile der Reformpädagogik geprägt haben. Die Idee von einem "quasi intimen Lehrer-Schüler-Verhältnis" habe dafür gesorgt, dass die wahren Herrschaftsstrukturen verwischt worden seien: "Davor hat man nicht nur die Augen verschlossen, sondern hat das gewollt."
Dennoch hält Negt moderne reformpädagogische Konzepte nicht für diskreditiert. Der Philosoph, der selbst Mitbegründer einer alternativen Schule in Hannover ist, hatte sich am Montag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) in Mainz klar vom Reformpädagogen Hartmut von Hentig distanziert. Ehemalige Schüler der Odenwaldschule werfen Hentigs Lebensgefährten Gerold Becker und weiteren Pädagogen sexuellen Missbrauch vor.
Derweil weitet sich der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule auf andere Internate aus. Nachdem auch das Vorzeigeinternat Salem über Missbrauch berichtet hatte, wurde nun auch ein Fall aus Schondorf am Ammersee bekannt. Am Donnerstag wollen zahlreiche Internatsleiter in Frankfurt über den Missbrauchsskandal beraten.