Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

10. März 2010

Reformpädagogik: Der Erzieher als Genie

 Von Katja Irle

Missbrauch hat es in Strömungen der Reformpädagogik schon immer gegeben, komplett diskreditiert ist sie damit nicht. Von Katja Irle

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Gustav Wyneken galt als pädagogischer Rebell. Die Gründung der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, einer Internatsschule im Thüringer Wald (1906), ist eine der Wurzeln der deutschen Reformpädagogik - gepriesen und umstritten bis heute. Gepriesen, weil der Atheist Wyneken eine Erziehung schaffen wollte, die anders als seine eigene nicht von christlicher Moral, Schuld und Sühne geprägt war. Umstritten, weil Wyneken für seine Schüler eine Ersatzreligion aufbaute: Er propagierte die Führung der Jugend durch "geniehafte Erzieher und Lehrer" und nahm dabei Bezug auf den "pädagogischen Eros", also eine auf Platon zurückgehende idealisierte Form eines Lehrer-Schüler-Verhältnisses - angeblich rein geistlicher, nicht sexueller Natur.

Wie weit der missverstandene pädagogische Eros führen konnte, zeigte sich bei Wyneken Anfang der 20er Jahre. Er wurde wegen Missbrauchs als Schulleiter suspendiert und verurteilt. Aktenkundig ist, dass er "zwei Knaben nackt umarmt" hatte.

Weggefährte Wynekens war der Gründer der hessischen Odenwaldschule, Paul Geheeb. Er hatte sich im Streit von Wyneken getrennt. Im Rückblick sagte Geheeb über Wyneken, er habe ihn als "den verbrecherischsten aller Menschen kennengelernt".

Geheebs reformpädagogische Ideen unterschieden sich in der Tat deutlich von denen Wynekens. Sein Konzept der Koedukation und seine Programmatik einer "Schule der Menschheit" gelten bis heute als große Verdienste des Reformpädagogen.

Unumstritten war Geheeb jedoch nicht. Einer seiner bekanntesten Schüler, Klaus Mann, löste 1925 mit seiner Erzählung "Der Alte" einen Skandal aus. Darin beschreibt er den Missbrauch von Schülerinnen durch den Schulleiter. Ob das literarische Dokument auf wahren Begebenheiten beruhte, bleibt bis heute unklar. Geheeb jedoch war bis ins Mark getroffen. Er schrieb an Klaus´ Vater Thomas Mann: "Ich werde Ihr Haus meiden, weil ich auf keinen Fall je wieder mit Ihrem Sohn Klaus zusammentreffen möchte." Klaus Mann schrieb später an Geheeb, er könnte sich sein Leben ohne das Jahr in der Odenwaldschule nicht vorstellen, und die Odenwaldschule nicht ohne Geheeb.

An solchen Beispielen zeigt sich das besondere Dilemma der schulischen Erziehung allgemein, aber insbesondere der von jeglicher Kontrolle abgeschotteten Pädagogik in Internaten oder den Landerziehungsheimen wie der Odenwaldschule. Einerseits gilt eine enge, fördernde und freundschaftliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die über die Fünf oder Eins in Mathematik hinausgeht, als gelungene Pädagogik. Andererseits liegt genau in diesem Abhängigkeitsverhältnis die Gefahr des Missbrauchs.

"Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man auf einer pädagogischen Insel wohnt", kritisiert der Erziehungswissenschaftler Jürgen Ölkers, der über die Reformpädagogik im 19. und 20. Jahrhundert geforscht hat. Die Landerziehungsheime seien seit ihrer Gründung mit homoerotischen Tendenzen bis hin zu pädophilem Verhalten konfrontiert gewesen. Ölkers erwartet nun, dass die neuesten Vorwürfe eine "große Debatte auslösen".

Wäre damit die Reformpädagogik als Ganzes diskreditiert? "Nein", sagt Erika Risse von der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime, in der 21 privat geführte Internate zusammengeschlossen sind, darunter traditionsreiche Einrichtungen wie die Hermann-Lietz-Schulen Haubinda oder Schloss Hohenwehrda in Thüringen und Hessen. "Wir werden nicht die guten Ideen der Reformpädagogik über Bord werfen", meint Risse. Gleichzeitig räumt sie ein, dass eine systematische Aufarbeitung von Missbrauchsfällen innerhalb der Reformpädagogik nicht stattgefunden habe. Bei den Internaten setzt sie auf eine neue Generation von Schulleitern. Zudem brauche man dringend eine Auseinandersetzung über "Nähe und Distanz in der Pädagogik".

Für die Erzieher-Zunft würde das nichts weniger bedeuten, als dass sie endlich eine klare Grenze zwischen kindgerechtem Lehrer-Engagement und Missbrauch des pädagogischen Eros zieht.

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