Die ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, Enja Riegel, sieht sich wegen eines Missbrauchsfalls von 1989 weiteren Vorwürfen ausgesetzt. Eines der Opfer, Mathias Fuchs, beschuldigt die Reformpädagogin in einem Offenen Brief, sie habe ihre Fürsorgepflicht vernachlässigt, um ihr Lebenswerk zu retten. Riegels Entscheidung, den Täter nicht anzuzeigen, sei falsch gewesen. Sie hätte "eine unabhängige Person involvieren" müssen. Fuchs bestätigt aber Riegels Angabe, die Eltern der Opfer hätten auf eine Anzeige verzichten wollen, um ihren Kindern die Aussage vor Gericht zu ersparen.
Riegel, die die Schule von 1986 bis 2003 leitete, hatte vor einigen Tagen öffentlich gemacht, dass der Kunstpädagoge Hajo W. 1989 Jungen "befummelt" hatte. Riegel hatte nach eigenen Angaben umgehend Kollegium, Eltern und Schulamt informiert und W. der Schule verwiesen - laut Fuchs entfernte sie ihn aber erst auf Druck von Eltern endgültig.
Enja Riegel leitete von 1986 bis 2003 die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Sie wandelte das staatliche Gymnasium in eine Gesamtschule um, die als eine der besten Deutschlands gilt. Unter Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) hätte Riegel Kultusministerin werden können. Sie lehnte ab.
Seit ihrer Pensionierung ist Riegel gefragte Gesprächspartnerin und Autorin. Sie ist Mitbegründerin von Campus Klarenthal, einer privaten Gesamtschule in Wiesbaden, in der sie ihre reformpädagogischen Ideale zu verwirklichen sucht.
Gerold Becker, der unter Missbrauchsvorwürfen stehende ehemalige Leiter der Odenwaldschule, war langjähriger Weggefährte Riegels. Er betreute die Helene-Lange-Schule und ist Lektor eines der Bücher von Enja Riegel. (pgh)
Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) hatte Riegel am Donnerstag vorgehalten, weder die Akten des Staatlichen Schulamts noch W.s Personalakte bestätigten ihre Darstellung, und der pensionierten Schulleiterin indirekt mit dem Entzug der Ruhebezüge gedroht. Riegel sagte am Sonntag der FR, sie halte die Vorwürfe für rufschädigend und prüfe, ob sie juristisch vorgehen werde. Die Akte Hajo W. sei vollständig im Archiv, sagte die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Wiesbaden, Ute Schmidt; es seien keine Angaben zu den Geschehnissen von 1989 darin zu finden.
Ein Sohn Riegels besuchte die Odenwaldschule (OSO), an der mindestens acht Lehrer zwischen 1996 und 1991 zahlreiche Schüler sexuell missbraucht haben sollen. Riegels Sohn gehörte von 1988 bis 1991 zur so genannten "Familie" eines Lehrers, der heute des Missbrauchs beschuldigt wird.
"Nicht im Traum"
Enja Riegel sagt, sie halte es für ausgeschlossen, dass ihr Sohn Opfer geworden sein könnte. "Ich bin damals im Traum nicht auf die Idee gekommen, meinen Sohn zu fragen, ob es an seiner Schule Missbrauchsvorwürfe gebe", sagte Riegel am Sonntag der FR. Die Vorwürfe wurden erst 1999 durch Berichte der FR öffentlich.
Gerold Becker, ehemaliger Leiter der OSO, gab die ihm vorgeworfenen Taten am Freitag in einem Brief zu und bat die Schüler um Entschuldigung. Becker war jahrelang Berater der Helene-Lange-Schule. 1997 hatte Riegel mit Becker, Hajo W. und einem weiteren Kollegen das Buch "Das andere Lernen" veröffentlicht.
Die heutige Leiterin der OSO, Margarita Kaufmann, fordert nachträgliche Sanktionen für Lehrer, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben. Im Hessischen Rundfunk brachte sie Kürzungen der Pensionen ins Gespräch. Warum Becker sich jetzt zu einer Entschuldigung durchrang, kann Kaufmann nur vermuten: "Ich weiß, dass eine Altschülerin mit ihm Kontakt hatte und ihn aufgefordert hat, endlich Stellung zu nehmen." Ex-Schüler wollen sich nach Kaufmanns Informationen mit der Erklärung Beckers nicht zufriedengeben.
Kultusministerin Henzler beteuerte am Samstag erneut, das Schulamt habe 1999 lediglich Hinweise auf zwei Opfer Beckers gehabt. Die FR hatte zuvor berichtet, dass Wolfgang Harder, damaliger Rektor der OSO, nach eigenen Angaben 1998 Hinweise auf weitere Fälle an das Schulamt weiterleitete. Wären die Behörden seinerzeit tätig geworden, hätten sie womöglich noch nicht verjährte Fälle aufdecken können.
Die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime (LEH), zu der die OSO und 20 weitere reformpädagogische Internate zählen, hat sich laut FAZ verpflichtet, jeden sexuellen Übergriff anzuzeigen und die Täter sofort zu entlassen. (mit dpa)