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Runder Tisch: Der Missbrauch und das Geld

Für Opfer von sexuellem Missbrauch soll es auch künftig eine unabhängige Anlaufstelle geben. Wie sie entschädigt werden, ist aber hoch umstritten. Die meisten Täter-Organisationen spielen auf Zeit.

Den Missbrauchsopfern katholischer Institutionen reicht das Entschädigungsangebot der Kirche nicht.
Den Missbrauchsopfern katholischer Institutionen reicht das Entschädigungsangebot der Kirche nicht.
Foto: dapd
Berlin –  

In Deutschland wird es aller Voraussicht nach auch künftig eine Unabhängige Anlaufstelle zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs geben. Das zeichnete sich am Montagnachmittag in der vierten Sitzung des Runden Tischs ab, an dem seit mehr als einem Jahr rund 60 Vertreter von Täter-Organisationen, Betroffene und Experten diskutieren. Mehrere Teilnehmer bezeichneten die Gesprächsatmosphäre als konstruktiv. Über die Frage der finanziellen Ausstattung im Kampf gegen Kindesmissbrauch werde allerdings noch kontrovers diskutiert. Das war erwartet worden.

Die Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung, Ex-Familienministerin Christine Bergmann (SPD), hatte vor zwei Wochen zum Abschluss ihrer Arbeit einen detaillierten Forderungskatalog vorgelegt. Er sieht den massiven Ausbau des Beratungs- und Hilfsangebots für Betroffene vor, eine verbesserte Ausbildung von Ärzten und Therapeuten, die Ausweitung juristischer Fristen und ein Opferentschädigungsgesetz, das persönlich erlittenes Leid tatsächlich anerkennt.

Zudem hatte Bergmann ein „Hilfesystem Rehabilitation“ angeregt, in dem sich Täter-Organisationen wie die Kirche, Sportverbände und Schulen aber auch der Staat nach unabhängiger Prüfung zu Entschädigungszahlungen verpflichten sollen. Als Maßstab empfiehlt die Ex-Ministerin die Schmerzensgeldtabellen in justiziablen Fällen, die Summen zwischen 3000 und 50000 Euro aufführen. Vor allem der letzte Punkt ist am Runden Tisch hoch umstritten, die meisten Institutionen spielen bis heute auf Zeit, weil sie zu große finanzielle Einbußen fürchten. Eine konkrete Entschädigungssumme, maximal 5000 Euro, hat bislang nur die katholische Kirche genannt.

Betroffene sind skeptisch

Bergmann, die ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Oktober beendet, erläuterte dem „Runden Tisch“ am Montag ihre Vorschläge und stieß dort zunächst auf großes Wohlwollen. Betroffenen-Initiativen zeigten sich dennoch skeptisch. Es sei bezeichnend, kritisierte etwa deren Sprecherin Maren Ruden, dass das Thema Missbrauch im Arbeits- und im Gesundheitsministerium noch immer nicht auf der Leitungsebene angekommen sei. Letzteres müsste nach Bergmanns Willen für eine Anerkennung wirksamer, aber bislang ausgegrenzter Therapien als Kassenleistung sorgen. Das Arbeitsministerium wäre federführend bei einer Reform des Opferentschädigungsgesetzes. Ursula von der Leyens Ressort behandelt dieses Thema aber nach wie vor mit spitzen Fingern.

Massive Kritik zog auch erneut der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf sich. Wie schon in früheren Gesprächen habe sich der DOSB auf den Standpunkt gestellt, Kindesmissbrauch finde in Sportvereinen nur punktuell statt, es bestehe daher kaum Handlungsbedarf, monierte Betroffenen-Sprecher Christian Bahls von Mogis e.V. Die Realitätsblindheit in den Sportverbänden sei frappierend. An Geldfragen, so Bahls, könne das eigentlich nicht liegen – „für die Olympischen Winterspiele in München wäre ja auch genug da“.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  7 | 6 | 2011
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