Wie funktioniert Erinnerung an traumatische Erlebnisse? Warum kocht der sexuelle Missbrauch in Schule und Kirche ausgerechnet jetzt hoch? Bis zu 25 oder gar 35 Jahre nach den Taten? Reden die Opfer jetzt, weil sie durch die Debatte in der Öffentlichkeit endlich Gehör finden? Oder hatten sie die Taten vergessen? Verdrängt? Gibt es das wirklich? Und wenn: Ist das häufig so bei derlei Traumatisierungen?
"Auf diese Fragen gibt es keine einfache, und nicht nur eine gültige Antwort", sagt der Traumatherapeut Georg Pieper. "Es gibt da eine breite Varianz: Von Betroffenen, die sich schämen, über den Missbrauch zu reden, bis zu jenen, die das Trauma tatsächlich vollkommen vergessen haben." Dazwischen gebe es viele, die "den Deckel drauf getan haben. Es kommt hoch durch eine Debatte wie jetzt. Nun trauen sie sich."
In der Mehrzahl der Fälle hat sich die Erinnerung eher zu stark eingegraben, stellt die Frankfurter Verhaltenstherapeutin und Traumaexpertin Regina Steil klar. "Während des Traumas werden Botenstoffe ausgeschüttet. Diese Stresshormone fördern das Lernen, sie fördern aber auch die Erinnerung - selbst, wenn man sie gar nicht haben will."
Ähnlich schätzt es der Frankfurter Psychoanalytiker Werner Bohleber ein: "Das Kind hat sehr starke affektive Erinnerungen an den Missbrauch, an den es am liebsten gar nicht denken will." Um das Erlebte ertragen zu können, kapsele es die Erinnerungen ab, packe sie weg und kappe möglichst alle assoziativen Verbindungen, die das Trauma wieder hervor holen könnten. "Schwere traumatische Erlebnisse werden nicht verdrängt", versichert Bohleber, der viel Erfahrung mit Holocaustopfern hat: "Die haben die Verletzungen durch Misshandlung und Verfolgung jahrelang weggeschoben. Erst als das Leben sich nach dem Krieg stabilisierte, kamen die Symptome."
Jedes Opfer entwickle seine eigenen Methoden, mit dem Trauma fertig zu werden: "Die meisten wissen wohl, was ihnen passiert ist. Manche leugnen aber, dass das eine Bedeutung hatte, dass es schlimm war" - das sei dann eine massive Affektabspaltung.
Bohleber berichtet von einer Frau, die ihn nach einem Vortrag auf der Wehrmachtssausstellung ansprach und staunend bekannte: "Ich war doch auch in so einem Arbeitslager." Vergessen habe die Frau das nicht, "aber die Bedeutung des Erlebten wurde ihr erst in dem Moment wieder klar".
Weit häufiger nach Traumata seien die jähen Erinnerungsflashs, die die Opfer quälten, erläutert Steil. Sie litten darunter, dass die schmerzlichen Erinnerungen sich, ausgelöst durch innere und äußere Reize in allen möglichen Situationen in den Vordergrund drängten. "Warum das nicht jedem passiert, und manche das Ereignis vergessen, können wir noch nicht erklären."
Ein klassischeres Erklärungsmuster versucht Pieper mit dem Hinweis auf Folteropfer, die immer wieder davon berichteten, wie sie aus ihrem geschundenen Körper ausstiegen und aus der Distanz auf das Geschehen blickten. "Das ist ein sehr sinnvoller - Dissoziation genannter - Mechanismus, der hilft, diese schreckliche Situation auszuhalten ohne durchzudrehen." Traumatische Erinnerungen würden nach dem selben Muster abgespalten, weil sie "zu heftig, schmerzhaft, zerstörerisch sind".
Kindliche Missbrauchsopfer entwickelten häufig solche dissoziativen Phänomene, "die haben dann das Gefühl, ,das ist mir gar nicht passiert. Das kann eine so starke Eigendynamik entwickeln, dass das Missbrauchstrauma jahrelang nicht mehr präsent ist." Nur die Symptome gäben dann Hinweise, dass da etwas nicht stimmt: "Missbrauchsopfer haben fast nie eine gesunde, lustbringende, befriedigende Sexualität." Viele litten unter diffusen Angst- und Bedrohungszuständen.
Pieper berichtet von einer Patientin, die nach unangenehmen medizinischen Untersuchungen behauptete, von den Ärzten systematisch gequält worden zu sein. Schließlich stellte sich heraus, dass sie mit zehn Jahren sexuell missbraucht wurde und dabei immer eine bestimmte Körperhaltung einnehmen musste, die sich jetzt bei den Untersuchungen wiederholte. "Sie selbst erinnerte sich gar nicht an den Missbrauch, aber ihr Körper schon."
Therapeut oder Therapeutin, die mit einem derart wiedergefundenen Erlebnis konfrontiert seien, müssten nun sehr professionell und vorsichtig damit umgehen, sagt Pieper: "Da ist in der Vergangenheit viel falsch gemacht worden." Und er erzählt eine legendäre Geschichte: Eine Patientin quälte die Erinnerung an ein blutbeflecktes weißes Laken; an Schmerz, Tränen und an ihren Vater, der sie tröstend in den Arm nimmt. Ein Trauma.