Hamburg. Tilman Jens, ehemaliger Schüler der Odenwaldschule in Hessen, sieht in der Umbruchstimmung der 70er Jahre eine Erklärung für das lange Schweigen über die Missbrauchsfälle.
In einem Bericht für das Magazin "Der Spiegel" schreibt der Sohn von Walter und Inge Jens, dass alle von Gerold Beckers "Duschorgien mit seinen ihm anvertrauten Knaben" gewusst hätten, ebenso von einer abgeriegelten Wohngemeinschaft des homosexuellen Musiklehrers und den heterosexuellen Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern.
"Wir fanden das ein wenig seltsam", schreibt er. Doch "in diesen Jahren des Umbruchs, in denen die Spießermoral zum Teufel gejagt wurde und es, beinah im Vakuum, einen neuen Wertekodex zu buchstabieren galt", habe sich das Delikt jenseits der Juristerei kaum bestimmen lassen. "Wir liebten und lasen. Und wir schauten weg."
"Auch die sexuelle Revolution hat ihre Kinder gefressen", schreibt der 55 Jahre alte Autor weiter in dem Artikel, in dem er nach Antworten für das eigene Schweigen sucht. Die Odenwaldschschule sei eine geschlossene Gesellschaft, ein hermetischer Zirkel gewesen. "Die aber sind just das Gegenteil jener freien, zumindest herrschaftsarmen Gemeinschaft, von der wir damals an der OSO (Odenwaldschule) träumten." Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle sorge nun dafür, dass "der falsche Friede" endlich aufgekündigt werde. Dabei gelte es nicht, die Schule an sich infrage zu stellen, sondern einen "souveränen Diskurs" zu führen, der das Wesen und die Einzigartigkeit der Anstalt ausmache. (dpa)