Die von den Bischöfen in Bayern verschärften Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen sollen offenbar bald in allen deutschen Bistümern gelten. Demnach muss jeder Verdachtsfall der Staatsanwaltschaft gemeldet werden. Die bayerischen Bistümer haben diese Meldepflicht bereits in Kraft gesetzt.
Auch die Deutsche Bischofskonferenz will sich nun daran orientieren, wie ihr Sprecher Matthias Kopp in Bonn ankündigte: "Die Ergebnisse der Freisinger Bischofskonferenz werden in die Überarbeitung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz einfließen."
Zahlreiche katholische Geistliche sind in den vergangenen Wochen in den Verdacht geraten, Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht zu haben. Die bisher geltenden Leitlinien verpflichten die Kirche nur bei einem erhärteten Verdacht und bei nicht verjährten Fällen die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Außerdem kann die Kirche bisher auf eine Anzeige verzichten, wenn die Opfer das nicht wollen.
Papst Benedikt XVI. unterzeichnete am Freitag den mit Spannung erwarteten Hirtenbrief zum Missbrauchsskandal. Das Schreiben, das vor allem an die irische Kirche wegen der dortigen tausendfachen Missbrauchsfälle gerichtet ist, wird am heutigen Samstag veröffentlicht. In Deutschland sind die Erwartungen hoch, dass sich Benedikt in dem Brief auch konkret zu den zahlreichen Fällen in seinem Heimatland äußert. In Rom hieß es, der Papst wolle klare Wege aufzeigen, wie Pädophilie in der Kirche ausgemerzt werden soll.
In einer Umfrage zur neu entflammten Debatte über die Ehelosigkeit der Priester hat sich eine breite Mehrheit der Deutschen für die Abschaffung des Pflichtzölibats ausgesprochen. 87 Prozent der Befragten bewerten das Gebot als nicht mehr zeitgemäß, ergab eine Infratest-dimap-Erhebung im Auftrag der ARD.
88 Prozent der Befragten äußerten sich überzeugt, dass Kindesmissbrauch auch außerhalb kirchlicher Einrichtungen vorkomme und in Schulen, Vereinen oder Familien ein weit verbreitetes Problem sei. Neun Prozent sahen dies auf kirchliche Einrichtungen beschränkt. (dpa/kna)