Der Hirtenbrief des Papstes zum sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche benennt Missstände, ohne sie abschaffen zu wollen oder gar Entschädigungen anzubieten. Fromme Worte und reuehafte Bekenntnisse werden jedoch die strukturellen Gründe für sadistische, sexuelle oder gewalttätige Übergriffe weltweit nicht beseitigen.
Auch die neu geschaffene Hotline der Kirche hat entscheidende Geburtsfehler: Sie unterliegt der Kontrolle von Bischof Stephan Ackermann. Alle Fälle müssen weisungsgemäß dem Vatikan gemeldet werden und die Mitarbeiter der Telefoneinrichtung sind nicht unabhängig.
Wollte der Vatikan tatsächlich die Zahl der Übergriffe drastisch reduzieren, müsste sich die katholische Kirche von Grund auf reformieren. Die gegenwärtige Kritik am Zölibat unterliegt Missverständnissen: Nicht etwa sexuelle Enthaltsamkeit führt auf direktem Wege zu pädophilen oder sadistischen Übergriffen. Wäre es so, würden erwachsene Singles nach kurzer Zeit der sexuellen Abstinenz pädophile Neigungen an sich verspüren oder das Bedürfnis, Kinder und Jugendliche zu misshandeln.
Die Absurdität dieser Überlegung zeigt, dass sexuelle Abstinenz mitnichten perverse Neigungen fördert oder der Zölibat direkt für die Missstände in der katholischen Geistlichkeit verantwortlich ist. Vielmehr wirkt der Zölibat wie ein Magnet auf jene, die eine erwachsene Sexualität nicht entwickelt haben. Zugleich fördert er eine fatale Dynamik innerhalb der Geistlichkeit, die fast zwingend zu Vertuschung und Beschimpfung von Opfern und Presse führen muss.
Der Zölibat schafft Sozialisationsbedingungen für junge Männer und Frauen, die ihre eigene Not ohnehin schon zur Tugend erklären: Der erklärte Verzicht auf offene sexuelle Beziehungen, Leidenschaft und die damit verbundene Intimität entspringt in vielen Fällen persönlichen Fehlentwicklungen, traumatischen Erfahrungen, eigenem sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend oder einer generellen Hemmung - ist in den seltensten Fällen jedoch Ausdruck einer in sich ruhenden Persönlichkeit.
Die Sexualmoral der katholischen Geistlichkeit ruht auf der Idealisierung selbstkasteiender Enthaltsamkeit, der Verklärung von sado-masochistischem Märtyrium und der Verehrung einer asexuellen Madonnengestalt. Genau diese Elemente finden sich in den verheerenden Übergriffen gegenüber Minderjährigen und Abhängigen wieder: Die meisten Opfer sind männlichen Geschlechts, die sexuellen Handlungen haben häufig pervers-rituellen Charakter und weisen damit sado-masochistische Züge auf.
Die Qualen der Opfer werden als Läuterung dargestellt oder sollen einem höheren Ideal dienen. Mithin steht die Sexualität des Täters aus seiner Sicht wiederum unter dem Zeichen der Kasteiung, der Aufopferung oder des Martyriums. Sexuelle Lust ist nur unter dem Vorzeichen der Buße oder der Bestrafung möglich. Und die als lüstern erlebte, erwachsene, nicht madonnenhafte Frau wird angstvoll gemieden.
Die häufige "Bestrafung", vor Nonnen oder Priestern onanieren zu müssen, befriedigt die Lust an der totalen Kontrolle über ein wehrloses Opfer. Ihr Extrem ist die gleichzeitige Ausübung massiver Gewalt durch anale Penetration. Dabei steigert die Demütigung des Opfers Lust und Allmachtsgefühle des Täters oder der Täterin.
Einsamkeit von Geistlichen und mangelnde Kontakte, außer zu ihresgleichen, sind auch innerkirchlich als Begleitsymptome des Zölibats bekannt. Doch das Problem greift tiefer: Denn tatsächlich bedeutet die Entsagung sexueller Zweisamkeit unter Erwachsenen auch den Verzicht auf einen bedeutsamen Spiegel für die persönliche Entwicklung.
Wer sich nicht im Auge des liebenden Anderen erlebt und gespiegelt sieht, verzichtet auch auf jene bald liebevollen, bald schmerzlichen Feedbacks, die das Selbst immer wieder korrigieren und die eigene Person in ihren Eigenarten nicht unbegrenzt gewähren lassen.
Schutzbefohlene hingegen können keine autonomen Rückmeldungen geben. Sie sind den Geistlichen ausgeliefert, die zudem mit der Aura des guten Mannes oder der guten Frau ausgestattet sind und via Beichte, Seelsorge oder Erziehung und Pflege problemlos in die Intimbereiche Minderjähriger eindringen können. Ein Korrektiv wie in einer Partnerschaft könnte nur durch Mitbrüder oder -schwestern, durch Vorgesetzte oder Kollegen erfolgen.
Doch da der Zölibat Personen mit ähnlicher Problematik anzieht, sind kritische Rückmeldungen, Anzeigen durch andere Geistliche oder offensive Prävention seitens des Klerus wenig wahrscheinlich und tatsächlich in der Vergangenheit kaum erfolgt: Der Zölibat schafft eine geschlossene Gesellschaft.
Folgerichtig erleben sich kirchliche Würdenträger, wie der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, einer Schmutzkampagne ausgesetzt - ähnlich wie Vertreter der politischen Parteien regelmäßig bei der Aufdeckung von Skandalen. Diese Lagermentalität wird auch künftig den transparenten Umgang mit innerkirchlichen Missständen behindern.