Die Bundesregierung will Opfer sexuellen Missbrauchs ermutigen, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Unter dem Motto „Sprechen hilft!“ startete die Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann am Dienstag in Berlin eine Öffentlichkeitskampagne, außerdem kündigten drei Bundesministerinnen das Gespräch mit Betroffenen an. Auf die katholische Kirche wächst derweil der Druck zur finanziellen Entschädigung von Missbrauchsopfern.
Bergmann war im April als unabhängige Regierungsbeauftragte eingesetzt worden, nachdem zuvor eine in Deutschland beispiellose Welle von Missbrauchsfällen vor allem in katholischen Einrichtungen bekannt geworden war. Wie die ehemalige Bundesfamilienministerin Bergmann erklärte, stehen die vom Regisseur Wim Wenders und dessen Frau Donata gestalteten Kinospots, Plakate, Flyer und Postkarten unter dem Slogan: „Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter.“ Im Mittelpunkt stehen ein Mann und eine Frau mittleren Alters, denen der Mund zugehalten wird.
Die von Bergmann verantwortete Anlaufstelle erreichten in den vergangenen sechs Monaten insgesamt 2500 Anrufe und Briefe von Opfern sexuellen Missbrauchs oder deren Angehörigen. 91 Prozent der Betroffenen seien mehrfach und wiederkehrend missbraucht worden. 60 Prozent von ihnen hätten sich zuvor niemandem anvertraut. Der größte Teil - 80 Prozent - fand dem Zwischenbericht Bergmanns zufolge frühestens 20 Jahre nach dem Missbrauch den Mut, von den Erlebnissen zu erzählen, viele sogar erst nach 40 bis 50 Jahren. Der älteste Anrufer sei 80 Jahre alt gewesen, der jüngste Anrufer zehn Jahre, das Durchschnittsalter liege bei 51 Jahren.
Bei der wissenschaftlichen Auswertung der gemeldeten Fälle stellte sich heraus, dass Frauen häufiger im familiären Umfeld und Männer eher in Institutionen missbraucht wurden. 60 Prozent aller bei Bergmann gemeldeten Missbrauchsfälle ereigneten sich demnach in Institutionen der katholischen Kirche. Bergmann forderte die derzeit in Fulda tagende katholische Bischofskonferenz auf, Opfer finanziell zu entschädigen. Es müsse darum gehen, Verantwortung zu übernehmen „und zu sagen, wir beteiligen uns selbstverständlich auch an materiellen Entschädigungen“, sagte die frühere SPD-Ministerin am Dienstag im SWR.
Dabei seien statt einer pauschal festgelegten Höhe von Entschädigungszahlungen je Opfer auch wie von der Bischofskonferenz ins Gespräch gebracht individuelle Zahlungen vorstellbar. Allerdings sei es dabei „wirklich wichtig“, dass Transparenz herrsche, sagte Bergmann. „Denn uns sagen die Betroffenen auch immer, Entschädigung darf kein Schweigegeld sein.“
Die Bundesministerinnen Kristina Schröder (CDU/Familie), Annette Schavan (CDU/Bildung) und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP/Justiz) teilten mit, im Rahmen des Runden Tisches zum Thema Kindesmissbrauchs am 10. November gemeinsam mit Bergmann mit Betroffenen sprechen zu wollen. Schröder erklärte, sie wolle mit den Opfern diskutieren, welche Forderungen und Anregungen sie in die Arbeit des Runden Tisches einbringen können.
Leutheusser-Schnarrenberger erklärte, sie wolle bis Ende des Jahres die Überlegungen abschließen, mit Hilfe welcher Leitlinien die Vertuschung und Verharmlosung von Fällen sexueller Gewalt beendet werden können und wie erreicht werden kann, dass Ermittlungs- und Strafverfahren die Opfer nicht unnötig belasten. (afp)