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Bahn-Arbeitsbedingungen: ICE-Lokführer pinkeln in Kaffeebecher

Angestellte berichten von haarsträubenden Arbeitsbedingungen. Lokführer bemängeln 14-Stunden-Schichten. Und: "Man fährt schon mal mit einem ICE mit einzelnen ausgeschalteten Bremsen oder weniger Antrieben." Ein Gutachter sagt: nichts aus Eschede gelernt.

Genug ist genug: Mitarbeiter kritisieren Arbeitsbedingungen bei der Deutschen Bahn.
Genug ist genug: Mitarbeiter kritisieren Arbeitsbedingungen bei der Deutschen Bahn.
Foto: ddp

Berlin. Beschäftigte der Deutschen Bahn kritisieren die Arbeitsbedingungen in dem Staatskonzern scharf. In einem "Schwarzbuch Deutsche Bahn" der ZDF-Redakteure Christian Esser und Astrid Randerath berichten zahlreiche Frauen und Männer aus dem Innenleben des Unternehmens - und erheben schwere Vorwürfe.

Im Mittelpunkt stehen dabei immer wieder die Einsparungen zugunsten des geplanten Börsengangs und ein massiv gestiegener Arbeitsdruck. Ein Lokführer berichtet etwa von 14-Stunden-Schichten, bei denen man vor Übermüdung im ICE-Führerstand einschlafe. Ein anderer kritisiert das Fehlen von Toiletten. "Sie pinkeln in den Kaffeebecher oder in die Thermoskanne. Denn wir sind sonst schuld an einer Verspätung", wird er zitiert.

Ein anderer Kollege bemängelt die Versorgung von Lokführern durch den Konzern, wenn sich Menschen vor den Zug werfen. "Viele müssen sich eine Kur und eine Betreuung nach den Suiziden selbst organisieren. Wer sich nicht selbst darum kümmert, ist verloren", sagt der Mann.

Auch die Instandhaltung der Züge und Gleisanlagen ist ein immer wiederkehrender Kritikpunkt. "Nicht selten wird erst ausgebessert, wenn die Weiche sprichwörtlich auseinanderfällt", berichtet ein Fahrdienstleiter und begründet damit die Verspätungen.

Auch bei den Loks würden die "Untersuchungen immer weiter hinausgezögert". "Man fährt auch schon mal mit einem ICE mit einzelnen ausgeschalteten Bremsen oder weniger Antrieben", berichtet ein weiterer Kollege.

Ein führender Gutachter wirft der Deutschen Bahn ebenfalls mangelhafte Sicherheit in Zügen vor. Die derzeit bei aktuellen ICE-Modellen verwendeten Achsen seien "unterdimensioniert", zitieren die Autoren Buchs den früheren Vizechef des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit, Vatroslav Grubisic.

Für die aktuellen Belastungen seien die Achsen nicht ausgelegt. Hohe Geschwindigkeiten, stärkere Bremsen und die Neigetechnik für enge Kurven belasteten die Achsen viel stärker als zuvor berechnet worden sei, sagte Grubisic.

Grubisic, der Gutachter der Staatsanwaltschaft nach dem Zugunglück von Eschede war, warf der Bahn vor, aus dieser Katastrophe "nichts gelernt" zu haben. In Eschede war 1998 nach Bruch eines Radreifens ein ICE entgleist, bei dem Unglück starben 101 Menschen.

Seitdem hat es bei mehreren Zügen Probleme mit Rädern oder Achsen gegeben, die den Untersuchungen zufolge auf Materialermüdung zurückzuführen sind. Nach dem Entgleisen eines ICE in Köln hat das Eisenbahnbundesamt deutlich häufigere Kontrollen angemahnt. Laut Grubisic war die Bahn seit Jahren vor den risikobehafteten Achsen gewarnt worden.

Die Autoren des Schwarzbuchs werfen der Bahn außerdem vor, die Wartungsintervalle bereits von 2003 an deutlich verlängert zu haben. Sie zitieren aus einem "streng vertraulichen Dokument", nach dem dadurch "die Leistung um 24 Prozent gesteigert" und die "Neuanschaffung von fünf ICE-Zügen vermieden" worden sei.

Etwa 70 Prozent der Beschäftigten bei Bahnunternehmen sind während ihrer Arbeit schon mindestens einmal Opfer eines Übergriffs geworden. Weitere 16 Prozent sind Zeuge von Gewalt geworden, wie aus der Studie der Gewerkschaften Transnet und GDBA hervorgeht, aus der das Schwarzbuch zitiert.

Der Umfrage zufolge fühlt sich zudem fast die Hälfte (49 Prozent) der Eisenbahner bei ihrer Arbeit nicht sicher. Die Angst, bedroht zu werden, ist bei 57 Prozent der befragten Frauen und Männer groß. Nach Angriffen meldeten sich laut Studie nur 17 Prozent der Betroffenen krank.

Die Bahn wollte sich zu Details des Schwarzbuchs nicht äußern. Ein Sprecher sagte auf Nachfrage jedoch, das Buch sei "sehr einseitig und ignoriert viele Fakten". Die "angeblichen Enthüllungen" seien bekannt und größtenteils auf- und abgearbeitet."

Der Sprecher sagte, der neue Bahn-Vorstand bestreite nicht, "dass bei der Bahn vieles besser werden kann und muss". "Wenn aber die täglichen Leistungen unserer Mitarbeiter ins falsches Licht gerückt werden, dann ist das nicht akzeptabel." (ddp/afp)

Datum:  18 | 1 | 2010
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