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Der Schuhmacher und der Verschleiss beim Lauftier Mensch

Hammerschläge für gutes Schuhwerk: Meister Jürgen Dohn in seiner Werkstatt.
Hammerschläge für gutes Schuhwerk: Meister Jürgen Dohn in seiner Werkstatt.
Foto: Alex Kraus

Laufkundschaft. Das Wort hatte für die Eltern von Wolfgang Lenz noch einen ganz speziellen Klang. „Die Nutten sind dreimal um den Block gelaufen, da waren die Pfennigabsätze hin.“ Das Malheur an zarten Frauenfüßen hat die Schuhmacherei Lenz in wenigen Minuten beseitigt. Eine Mark und 95 Pfennige hat die Wieder-Mobilmachung einer einzelnen Dame gekostet. Das gerne horizontal ausgeübte Gewerbe brummt in der und um die Münchner Straße auch 2011 noch, und wie vor ein paar Jahrzehnten, ja wie vor 70 Jahren, als die Familie in das Haus mit der Nummer 36 zog, lebt die Schuhmacherei vor allem vom Verschleiß. Gehen, laufen, wandern: Seit sich der Homo sapiens Grünzeug, Tierhäute oder was auch immer um und unter die Füße schnallte, geht kaputt, was einmal als Schutz, Zierde oder schickes Accessoire gedacht war. „Der Mensch ist ein Lauftier, und der richtige Schuh kann das Leben verändern“, so steht’s am Eingang zur Werkstatt. Damit sich also das Dasein laufend zum Guten hinwendet, gibt es Leute wie Wolfgang Lenz und Jürgen Dohn. Schuhmachermeister Dohn hat seit einigen Wochen das Sagen in dem Familienbetrieb, seit sich Wolfgang Lenz in die zweite Reihe zurückgezogen hat. Hier im Bahnhofs- und Rotlichtviertel pulsiert das Leben. Die Laufkundschaft ist so bunt, so international, so schillernd wie sonst nirgendwo in der Stadt. „Ich find’ das Viertel geil“, sagt Dohn.

Stabilität für die "Wackelfieß"

Das Geschäft brummt. Es riecht nach Leim und Leder und nach Gummi. Bevor Absätze, ganze Sohlen repariert oder gar Löcher im Schuh gestopft werden, wird beraten. Leder ist noch immer das meistbenutzte Allheilmittel: Der Werkstoff ist atmungsaktiv, fördert den Feuchtigkeitsaustausch und verleiht „auch wackligste Fieß“, wie Lenz sagt, „Stabilität“. Gummi ist haltbarer, und weil es wasserdicht ist, für Wanderschuhe zum Beispiel unverzichtbar. Presspappe bekommt ganz sicher keiner der Kunden hier unter die Füße genagelt. „Zusammengeschustert wird woanders“, sagt Wolfgang Lenz über die wachsende Konkurrenz der Schnell-Schuster.

Viel lieber noch, als Schuhe zu flicken, machen Lenz und Dohn Schuhe, maß- und handgefertigt natürlich. Da bleibt der Schuster liebend gern bei seinen Leisten, den Holzklötzen, die aussehen wie abgeschnittene Füße. Bei 1200 Euro fängt das Grundmodell aus gewöhnlichem Leder an. Nach oben gibt es praktisch keine Grenze. „Wer es möchte und es bezahlen kann, dem fertigen wir auch Schuhe aus Krokodilleder für rund 3500 Euro das Paar an, und wer das ganz Außergewöhnliche will, der kann sich bei uns auch Schuhe aus Fischhaut fertigen lassen“, erklärt Dohn. Immer vorausgesetzt natürlich, die Bestimmungen des Artenschutzabkommens werden eingehalten. 15 bis 20 Paar Schuhe der Marke Lenz entstehen pro Jahr in der Münchner Straße. Geduldig muss die mobile Kundschaft auch sein: Wartezeit drei Monate. Aber dann: „Ein angemessener Schuh erzeugt Haltung“, betont Lenz.

Autor:  Jürgen Ahäuser
Datum:  9 | 9 | 2011
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