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Fahrräder: E-Bikes preschen vor

Elektrofahrräder sind aus der Nische herausgefahren und zu einem Trendprodukt geworden. Sie leisten damit Anschubhilfe für eine ganze Branche.

Die Akku-Leistung ist bei vielen E-Bikes noch ein Problem. Gut, wenn eine Solartankstelle in der Nähe ist.
Die Akku-Leistung ist bei vielen E-Bikes noch ein Problem. Gut, wenn eine Solartankstelle in der Nähe ist.
Foto: dpa
München –  

„Das anfängliche Stigma eines Reha-Artikels ist Vergangenheit“, sagt Hannes Neupert. Als Mitgründer und Chef des Vereins Extra-Energy spricht er von der modernen, elektrifizierten Variante des Drahtesels. E-Bikes oder Pedelecs heißen die mit Naben- oder Tretlagermotor ausgestatteten Fahrräder, die die Zweiradbranche immer mehr antreiben. Mit im Vorjahr 150000 verkauften E-Bikes seien die Fahrräder mit Anschubhilfe endgültig aus der Nische herausgefahren. Gerade ein Sechstel dessen war es noch 2005 zu Zeiten des Reha-Images. Fünf Jahre später erwartet die Branche mit 200000 Verkäufen nun einen neuen Rekord. Flottes Design macht Pedelecs auch für Jugendliche attraktiv.

Großes Potenzial

Elektroräder

Ein Pedelec gilt rechtlich als Fahrrad, weil der Motor nur dann Anschubhilfe leistet, wenn man gleichzeitig selbst in die Pedale tritt. Ab 25 Stundenkilometern schaltet der Elektromotor ab.
Bei einem E-Bike hält der Elektromotor das Fahrrad auch dann in Fahrt, wenn man selbst nicht mehr tritt. Sie sind bis zu 45 Stundenkilometer schnell. Man benötigt einen Helm, Mofaführerschein und ein Versicherungskennzeichen.
Europäischer Marktführer bei Elektrofahrrädern ist der niederländische Hersteller Accell (Marke Sparta). Nummer zwei und deutsche Nummer eins ist Derby Cycle (Marke Kalkhoff). tma

Die Entwicklung spiegelt sich auf der Münchner Fahrradmesse Bike Expo wider, die am Donnerstag für vier Tage ihre Pforten öffnet. Eine ganze Halle ist dort E-Bikes und Pedelecs vorbehalten. „Elektromobilität hat großes Potenzial im Fahrradmarkt“, sagt Messechef Klaus Dittrich. Anders als Elektroautos sind Elektrofahr- räder mittlerweile in großer Auswahl verfügbar und preislich zwar kein Schnäppchen, aber verglichen mit einem 50000 Euro und mehr teueren Elektroauto doch noch erschwinglich.

Im Schnitt kostet ein Pedelec laut Zweirad Industrie Verband (ZIV) 2000 Euro. Unter 1700 Euro könne er keines empfehlen, sagt Neupert. Sein Verband unterstützt Elektromobilität und sieht E-Bikes als deren Vorzeigeprodukt. Die Zeit sei gekommen, um sich zumindest auf zwei Rädern mit der neuen Technologie vertraut zu machen, sagt der bisweilen als E-Bike-Papst titulierte Zweiradexperte.

Die Akkus guter Pedelecs halten drei bis fünf Jahre, sind binnen drei Stunden für weniger als zehn Cent zu laden und haben eine Reichweite von 40 bis 60 Kilometer, sagt Neupert. Gut sei aber nicht jedes Gefährt. „Es ist ein Goldrausch derzeit und da wird auch viel Schrott in den Markt geschwemmt“, merkt er kritisch an und empfiehlt potenziellen Käufern, Testberichte zu lesen. Die veröffentlicht Extra-Energy unter anderem auf seiner Internetseite (extraenergy.org). Untersuchungen liegen auch bereits von Stiftung Warentest und dem ADAC vor. Letzterer bemängelt, dass es für die Akkus häufig keine Garantie gibt und Ersatzakkus mit bis zu 750 Euro sehr teuer sind.

Sieben Prozent Umsatzplus

Dem Markterfolg der Elektrofahrräder tut das keinen Abbruch. Sie sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Fahrradhandel im Vorjahr nach Umsatz mit 1,8 Milliarden Euro um sieben Prozent im Plus lag, obwohl der Markt nach Stückzahl mit 4,05 Millionen verkauften Rädern um sieben Prozent rückläufig war. Vor allem E-Bikes und Pedelecs haben den Durchschnittspreis für ein Zweirad binnen Jahresfrist von 387 auf 446 Euro gehievt.

Weil mit Elektrofahrrädern niemand mehr am Berg absteigen muss und sie den Aktionsradius von Hobbyfahrern vergrößern, dürften sie den Radtourismus stimulieren. 5,6 Millionen Bundesbürger sind mit ihrem Drahtesel jährlich auf dem 75900 Kilometer langen Radwegenetz zwischen Kiel und Passau unterwegs, neun Prozent des Verkehrsaufkommens entfällt auf Räder. Die Quote dürfte wachsen. Ein Ende des Elektro-Trends sei jedenfalls nicht in Sicht, sagt Neupert. Nach Stückzahl sind bereits vier Prozent aller verkauften Räder elektrifiziert. In den Niederlanden ist es das Vierfache, was das Potenzial zeige. Und es sei keineswegs so, dass Elektroräder die Faulheit stimulieren, so Neupert. „Die meisten, die umsteigen, sind danach fitter als vorher.“

Autor:  Thomas Magenheim
Datum:  21 | 7 | 2010
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