Kostenexplosionen und Verzögerungen: Für viele fest zugesagte Bahnprojekte fehlt das Geld. Kaum ein großes Bauvorhaben erfüllt den Plan. Woran liegt das? Von Thomas Wüpper
Das Geld für Verkehrsprojekte schwindet: Eine durchtrennte Bahn-Schiene.
Foto: ddp
Das Geld für Verkehrsprojekte schwindet: Eine durchtrennte Bahn-Schiene.
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Berlin. Für viele fest zugesagte Bahnprojekte fehlt das Geld. Allein bis 2020 klafft eine Finanzlücke von neun Milliarden Euro im Investitionsplan. Ein Grund: extreme Kostensteigerungen und Verzögerungen bei vielen Neu- und Ausbauvorhaben. Kaum ein großes Bauprojekt erfüllt den Plan.
So etwa der Durchschlag im Finne- und Bibratunnel bei Saubach: Unter großem Medienrummel feierten Bahnchef Rüdiger Grube und Verkehrsminister Peter Ramsauer unlängst in Sachsen-Anhalt den Abschluss eines weiteren Bauabschnitts des Verkehrsprojekts acht der Deutschen Einheit, den Ausbau der Schienenstrecke Nürnberg-Berlin.
Der Festakt sollte signalisieren: Es geht voran. In Wahrheit ist aber das derzeit größte deutsche Infrastrukturprojekt längst ein krasser Problemfall. Besonders die Kosten der 107 Kilometer langen ICE-Neubaustrecke vom fränkischen Ebensfeld nach Erfurt sind völlig aus dem Ruder gelaufen.
Kostenexplosionen sind bei großen Bauvorhaben keine Ausnahme sondern die Regel. Das beweisen Studien des dänischen Wissenschaftlers Bent Flyvbjerg, der mehr als 250 Projekte untersucht hat. Demnach überschreiten neun von zehn Verkehrsinfrastrukturbauten die Kostenvorgaben - Bahnprojekte im Schnitt um 45 Prozent.
Die zehn größten Fehlplanungen der Bahn
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Die zehn größten Fehlplanungen der Bahn
Stuttgart 21: Die Kosten für den Tunnelbahnhof und die 60 Kilometer Neubau- und Tunnelstrecken im Stadtgebiet mussten mehrfach auf inzwischen 4,1 Milliarden Euro nach oben korrigiert werden. Der Rahmenvertrag von 1995 veranschlagt Ausgaben von knapp 2,5 Milliarden D-Mark. Der Bundesrechnungshof befürchtet, dass S 21 mindestens 5,3 Milliarden Euro kostet.
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ICE-Strecke Wendlingen-Ulm: Die neue ICE-Trasse soll gleichzeitig mit S 21 fertig werden, nur zusammen ergeben die Projekte Sinn. Der Preisstand von 2004 liegt bei 2,0 Milliarden Euro. Nach einer Neuberechnung (Stand: Juli 2010) wird mit Kosten von 2,89 Milliarden Euro gerechnet.
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Der Verkehrswissenschaftler Karl-Dieter Bodack erwartet, dass der Bau wegen rund 50 Prozent Tunnelanteil und schwierigen Baugrunds auf der Schwäbischen Alb mit 5,5 Milliarden Euro fast dreimal so teuer wird.
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Karlsruhe-Basel: Der 190 Kilometer lange viergleisige Ausbaus im Rheintal wurde vor 23 Jahren begonnen und ist erst zu einem Drittel erledigt. Die Gesamtkosten sind allein seit 2003 von 3,4 auf mehr als 5,7 Milliarden Euro gestiegen. Noch 4,0 Milliarden sind zu finanzieren. Fertigstellung: nicht in Sicht.
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Nürnberg-Erfurt: 1997 wurde mit dem Trassenbau begonnen. Die Kosten sind auch wegen komplizierter Tunnel völlig aus dem Ruder gelaufen. Noch 2003 wurden 3,3 Milliarden Euro veranschlagt, inzwischen sind es fast 5,2 Milliarden. Mehr als 4,0 Milliarden sind noch zu finanzieren. Fertigstellung: frühestens 2017, vermutlich später. Das Bild von 2002 zeigt die fast fertiggestellte ICE-Brücke bei Ichtershausen auf der Strecke von Erfurt nach Nürnberg.
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Köln-Frankfurt: Die 177 Kilometer lange ICE-Trasse wurde 2005 fertig und kostete mit 6,0 Milliarden Euro mehr als doppelt so viel wie geplant.
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Nürnberg-München: In den 16 Jahren Bauzeit explodierten die Gesamtkosten von 1,5 auf 3,6 Milliarden Euro. Dafür wurden gerade mal 77 Kilometer von Nürnberg nach Ingolstadt neu gebaut und die bestehende Verbindung Ingolstadt-München ausgebaut. Bild: Bauarbeiten an der Neubaustrecke im Altmühltal auf der Höhe Kipfenberg im August 2002.
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Knoten Berlin: Die Modernisierung des Bahnnetzes in der einst geteilten Hauptstadt verschlingt Unsummen. Die Gesamtkosten werden inzwischen auf 6,4 Milliarden Euro veranschlagt. Der neue Hauptbahnhof kostete 1,2 Milliarden Euro - 700 Millionen mehr als geplant. Das Bild zeigt die Grundsteinlegung 1998 mit den Politikern dieser Zeit: Bürgermeister Eberhard Diepgen, Verkehrsminister Matthias Wissmann, Bahnchef Johannes Ludewig und Thyssen-Chef Ekkehard Schulz (v.l.).
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Citytunnel Leipzig: Das S-Bahnprojekt mit seinen beiden gerade mal 1400 Meter langen Tunnelröhren zum Hauptbahnhof wird mindestens eine Milliarde Euro kosten. Geplant waren 572 Millionen, inzwischen werden die Kalkulationen fast im Monatsrhythmus nach oben korrigiert. Fertigstellung: frühestens 2013 - vier Jahre später als geplant.
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Rhein-Ruhr-Express: Der RRX ist der Ersatz für die gescheiterten Transrapid-Pläne , er soll den Ballungsraum Düsseldorf-Duisburg besser auf der Schiene verbinden. Doch die Kosten explodieren schon vor Baustart, von 1,4 auf 2,0 Milliarden Euro. In manchen Papieren ist bereits von 2,7 Milliarden die Rede - weshalb die Bahn das Projekt intern als "bis 2025 nicht realisierbar" einstuft. Das Bild zeigt einen S-Bahn-Zug mit dem Außendesign des geplanten Rhein-Ruhr-Expresses.
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Stuttgart-Mannheim: Kostenexplosionen gab es schon bei der Bundesbahn: Die ICE-Trasse Stuttgart-Mannheim wurde 1975 für 2,5 Milliarden DM genehmigt, kostete am Ende aber 4,3 Milliarden DM (rund 2,2 Milliarden Euro). Die ICE-Trasse Hannover-Würzburg schlug mit fast 12,0 statt genehmigter 10,4 Milliarden DM zu Buche.
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Das Planungs-Chaos geht weiter: Ein zunächst geheimes Papier der Deutschen Bahn listet Neu- und Ausbauprojekte auf, die wegen Geldmangels möglicherweise nicht umgesetzt werden können. Die Grafik zeigt, welche Strecken betroffen sind.
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Kostenexplosionen und Verzögerungen: Für viele fest zugesagte Bahnprojekte fehlt das Geld. Kaum ein großes Bauvorhaben erfüllt den Plan. Zehn Beispiele.
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Fotostrecken Wirtschaft
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Zugleich wird die erhoffte Nachfrage regelmäßig drastisch überschätzt: Bei Bahnprojekten ermittelte der Professor der Universität Aalborg im Schnitt um 39 Prozent zu hoch kalkulierte Passagierzahlen. Unterm Strich fällt daher die Wirtschaftlichkeit vieler Großprojekte viel schlechter aus als vor Baustart kalkuliert.
Woran liegt das? Auch das hat Flyvbjerg erforscht. Das Ergebnis: In den letzten siebzig Jahren blieben die Kostenüberschreitungen fast konstant. Ein Lerneffekt trotz der weltweit steigenden Zahl von Megaprojekten? Fehlanzeige. Flyvbjerg sieht nur eine sinnvolle Erklärung: Die Projekte werden strategisch falsch dargestellt und zu optimistisch bewertet.
Zu Deutsch: Bei Großprojekten hat Schönrechnen nicht nur Tradition, sondern auch System. Denn der politische und wirtschaftliche Druck, der auf Milliardenvorhaben wie Stuttgart 21 lastet, ist oft enorm. Die Politiker stehen bei den Wählern und Unternehmen im Wort. Die Wirtschaft hofft auf Aufträge, die Ingenieure wollen technologische Höchstleistungen demonstrieren, Regierende und Manager sich ein Denkmal setzen. So entstehe "eine Kultur der Fehlinformation", kritisiert Flyvbjerg.
Auch deutsche Verkehrsexperten wie Michael Holzhey von der Berliner Beratungsfirma KCW wissen, wie Politiker und die Bahn gewünschte Bauvorhaben durchsetzen. Erst Kosten und Risiken klein rechnen. Dann die Finanzierung beschließen und erst nach Baubeginn den Realitäten anpassen. Planer und Politiker streiten das natürlich ab. Wenn die Kosten explodieren, gibt es viele plausibel klingende Gründe: schwierige Bauverhältnisse, komplexe technische Probleme, Havarien und schlechtes Wetter, gestiegene Materialpreise und vieles mehr.
Doch bei komplexen Großprojekten, das weiß selbst der Laie, müssen Risiken einkalkuliert werden. Dafür gibt es statistische Mittelwerte, die wirklichkeitsnahe Kalkulationen erlauben. Trotzdem werden - wie bei der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm - weiter geschönte Kostenprognosen verwandt. Allein diese ICE-Trasse könnte dreimal so teuer werden als die bisher veranschlagten zwei Milliarden Euro. Eine solche Kostenexplosion vor Baustart aber würde das Aus für die Trasse und damit auch für das dazugehörige Projekt Stuttgart 21 bedeuten.
Das unabhängige Planungsbüro Vieregg und Rößler hat schon vor Jahren extreme Kostensteigerungen für die sechs großen Projekte S 21, Wendlingen-Ulm, Nürnberg-Erfurt, Erfurt-Leipzig, Dresden-Berlin und den zweiten S-Bahn-Tunnel München ermittelt. Die Kosten von 11,4 Milliarden Euro werden demnach auf mehr als 21 Milliarden klettern. Die Verkehrsexperten schlugen alternative Planungen vor, die weniger als sechs Milliarden kosten würden. Das wurde ignoriert.
Auch bei einem siebten Projekt sagten die Planer eine Kostenexplosion voraus: Für den Transrapid München errechneten sie statt der offiziell verkündeten 1,6 Milliarden Euro mehr als das Doppelte. Die Prognose bestätigte sich - das Projekt wurde eingestellt.