Erstmals hat die Deutsche Bahn die hohe Zahl von Zugpannen im vergangenen Winter beziffert. Im Schnitt fielen jeden Tag 114 Züge teilweise oder ganz aus. Schuld daran war nicht immer das Wetter. Von Thomas Wüpper
Ein Schienen-Schneepflug (links) räumt den Bahnhof Binz auf der Insel Rügen (13.02.2010).
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Ein Schienen-Schneepflug (links) räumt den Bahnhof Binz auf der Insel Rügen (13.02.2010).
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Erstmals hat die Deutsche Bahn die hohe Zahl von Zugausfällen im vorigen Winter beziffert. Im Schnitt fielen demnach jeden Tag 114 Züge der 27.000 täglichen Fern- und Regionalzüge teilweise oder ganz aus. Als Ursache wird die strenge Witterung genannt.
Selten war das Chaos auf der Schiene so groß wie im letzten halben Jahr. Bahnfahrer brauchten wegen häufiger Verspätungen viel Geduld. Oft musste man schon froh sein, wenn der Zug überhaupt kam. Reihenweise fielen wichtige Verbindungen zeitweise aus.
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So ändern sich die Zeiten. In den 70er Jahren warb die Bundesbahn sogar mit ihrer Wetterresistenz. Ihr Werbeslogan: "Alle reden vom Winter - nur wir nicht!" Damals scheint der Wechsel der Jahreszeiten noch kein Problem gewesen zu sein. Karl-Peter Naumann, Chef des Fahrgastverbands Pro Bahn, kennt die tatsächlichen Gründe der Winterprobleme.
Zum Beispiel die aus Renditegründen reduzierte Zugflotte. "Besonders Interregio-Wagen wurden verkauft oder verschrottet", kritisiert der Experte. So gibt es, anders als früher, zu wenig Reservezüge.
Die zehn größten Fehlplanungen der Bahn
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Die zehn größten Fehlplanungen der Bahn
Stuttgart 21: Die Kosten für den Tunnelbahnhof und die 60 Kilometer Neubau- und Tunnelstrecken im Stadtgebiet mussten mehrfach auf inzwischen 4,1 Milliarden Euro nach oben korrigiert werden. Der Rahmenvertrag von 1995 veranschlagt Ausgaben von knapp 2,5 Milliarden D-Mark. Der Bundesrechnungshof befürchtet, dass S 21 mindestens 5,3 Milliarden Euro kostet.
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ICE-Strecke Wendlingen-Ulm: Die neue ICE-Trasse soll gleichzeitig mit S 21 fertig werden, nur zusammen ergeben die Projekte Sinn. Der Preisstand von 2004 liegt bei 2,0 Milliarden Euro. Nach einer Neuberechnung (Stand: Juli 2010) wird mit Kosten von 2,89 Milliarden Euro gerechnet.
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Der Verkehrswissenschaftler Karl-Dieter Bodack erwartet, dass der Bau wegen rund 50 Prozent Tunnelanteil und schwierigen Baugrunds auf der Schwäbischen Alb mit 5,5 Milliarden Euro fast dreimal so teuer wird.
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Karlsruhe-Basel: Der 190 Kilometer lange viergleisige Ausbaus im Rheintal wurde vor 23 Jahren begonnen und ist erst zu einem Drittel erledigt. Die Gesamtkosten sind allein seit 2003 von 3,4 auf mehr als 5,7 Milliarden Euro gestiegen. Noch 4,0 Milliarden sind zu finanzieren. Fertigstellung: nicht in Sicht.
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Nürnberg-Erfurt: 1997 wurde mit dem Trassenbau begonnen. Die Kosten sind auch wegen komplizierter Tunnel völlig aus dem Ruder gelaufen. Noch 2003 wurden 3,3 Milliarden Euro veranschlagt, inzwischen sind es fast 5,2 Milliarden. Mehr als 4,0 Milliarden sind noch zu finanzieren. Fertigstellung: frühestens 2017, vermutlich später. Das Bild von 2002 zeigt die fast fertiggestellte ICE-Brücke bei Ichtershausen auf der Strecke von Erfurt nach Nürnberg.
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Köln-Frankfurt: Die 177 Kilometer lange ICE-Trasse wurde 2005 fertig und kostete mit 6,0 Milliarden Euro mehr als doppelt so viel wie geplant.
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Nürnberg-München: In den 16 Jahren Bauzeit explodierten die Gesamtkosten von 1,5 auf 3,6 Milliarden Euro. Dafür wurden gerade mal 77 Kilometer von Nürnberg nach Ingolstadt neu gebaut und die bestehende Verbindung Ingolstadt-München ausgebaut. Bild: Bauarbeiten an der Neubaustrecke im Altmühltal auf der Höhe Kipfenberg im August 2002.
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Knoten Berlin: Die Modernisierung des Bahnnetzes in der einst geteilten Hauptstadt verschlingt Unsummen. Die Gesamtkosten werden inzwischen auf 6,4 Milliarden Euro veranschlagt. Der neue Hauptbahnhof kostete 1,2 Milliarden Euro - 700 Millionen mehr als geplant. Das Bild zeigt die Grundsteinlegung 1998 mit den Politikern dieser Zeit: Bürgermeister Eberhard Diepgen, Verkehrsminister Matthias Wissmann, Bahnchef Johannes Ludewig und Thyssen-Chef Ekkehard Schulz (v.l.).
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Citytunnel Leipzig: Das S-Bahnprojekt mit seinen beiden gerade mal 1400 Meter langen Tunnelröhren zum Hauptbahnhof wird mindestens eine Milliarde Euro kosten. Geplant waren 572 Millionen, inzwischen werden die Kalkulationen fast im Monatsrhythmus nach oben korrigiert. Fertigstellung: frühestens 2013 - vier Jahre später als geplant.
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Rhein-Ruhr-Express: Der RRX ist der Ersatz für die gescheiterten Transrapid-Pläne , er soll den Ballungsraum Düsseldorf-Duisburg besser auf der Schiene verbinden. Doch die Kosten explodieren schon vor Baustart, von 1,4 auf 2,0 Milliarden Euro. In manchen Papieren ist bereits von 2,7 Milliarden die Rede - weshalb die Bahn das Projekt intern als "bis 2025 nicht realisierbar" einstuft. Das Bild zeigt einen S-Bahn-Zug mit dem Außendesign des geplanten Rhein-Ruhr-Expresses.
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Stuttgart-Mannheim: Kostenexplosionen gab es schon bei der Bundesbahn: Die ICE-Trasse Stuttgart-Mannheim wurde 1975 für 2,5 Milliarden DM genehmigt, kostete am Ende aber 4,3 Milliarden DM (rund 2,2 Milliarden Euro). Die ICE-Trasse Hannover-Würzburg schlug mit fast 12,0 statt genehmigter 10,4 Milliarden DM zu Buche.
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Das Planungs-Chaos geht weiter: Ein zunächst geheimes Papier der Deutschen Bahn listet Neu- und Ausbauprojekte auf, die wegen Geldmangels möglicherweise nicht umgesetzt werden können. Die Grafik zeigt, welche Strecken betroffen sind.
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Kostenexplosionen und Verzögerungen: Für viele fest zugesagte Bahnprojekte fehlt das Geld. Kaum ein großes Bauvorhaben erfüllt den Plan. Zehn Beispiele.
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Als die Bahn Kurs auf die Börse nahm, wurde zudem bei der teuren Wartung massiv und fahrlässig gespart. Mit fatalen Folgen, wie sich bei der ICE- Flotte und der Berliner S-Bahn zeigte. Die Bahnaufsicht zog Hunderte Züge wegen massiver Sicherheitsrisiken zeitweise aus dem Verkehr.
Nun muss die Bahn die ICE-Achsen alle 20.000 bis 30.000 Kilometer prüfen, zehnmal häufiger als früher. Die Reparaturwerke, die jahrelang ebenfalls "verschlankt" oder gleich geschlossen wurden, sind dadurch völlig überlastet. Die erhöhte Wartung im Winter, verursacht auch durch anfällige ICE-Technik, war kaum noch zu schaffen.
Daher mussten im Schnitt 30 Fernzüge pro Tag teils oder ganz gestrichen werden - dreimal so viel wie im Winter davor und sogar sechsmal so viel wie im Winter 2007/2008. Das räumte nun das Bundesverkehrsministerium auf eine Anfrage des SPD-Parlamentariers Uwe Beckmeyer ein.
Die Ausfallquote im Regionalverkehr blieb interessanterweise mit 39 Total- und 45 Teilausfällen fast gleich hoch.
Im Fernverkehr werde es noch jahrelang Einschränkungen für die Fahrgäste geben, warnt Naumann. Denn der Achsentausch bei der ICE-Flotte wird bis 2013 dauern. Kleiner Trost für treue Bahnfahrer: Danach soll auch der überfällige Austausch der betagten Intercity- und der ICE-1-Flotte beginnen.
Konzernchef Rüdiger Grube verhandelt mit Siemens derzeit über den größten Auftrag der Bahngeschichte - 300 Fernzüge für sechs Milliarden Euro.