Carsharing war hierzulande lange in der alternativen Szene angesiedelt. Jetzt entdecken noble Autokonzerne wie BMW und Daimler den Markt für sich und verleihen ihm eine Premiumnote. BMW betreibt zusammen mit dem Autovermieter Sixt dazu seit zwei Monaten die neue Mobilitätstochter Drive Now. Das Carsharing-Modell von Daimler firmiert unter Car2go.
Auch andere Hersteller im In- und Ausland, die bislang die Individualität auf vier Rädern gepredigt haben, entdecken derzeit das Teilen von Autos unter modernen Großstädtern. „Man muss jetzt dabei sein, sonst läuft man später hinterher“, sagt Carsharing-Experte Marcus Krüger vom ADAC.
Zwei Entwicklungen sind es, die zu einem ökonomischen Neustart des Carsharing-Gedanken führen. Erstens verliert das Auto in Metropolen unter jungen Erwachsenen zunehmend an Bedeutung als Statussymbol. Als cool gilt moderne Technik in Form von Smartphones, nicht aber mit einem Auto im Innenstadtstau zu stecken.
London weit vorn
Zweitens steht die Elektromobilität vor der Tür. Ein Stromer ist in der Anschaffung zumindest anfangs wohl zu teuer für große Massenmärkte. Deshalb müssen E-Autos über neue Kanäle eine erste Verbreitung finden. „Carsharing ist eine gute Möglichkeit, um mit Elektromobilität zu starten“, sagt Krüger. Bis die Serienproduktion von Elektroautos anläuft, sollen die neuen Carsharing-Marken beim Verbraucher ein Begriff sein und möglichst viele Mitglieder zählen. Im Jahr 2016 wird jedes fünfte Auto einer Carsharing-Flotte ein Stromer sein, sagt die Unternehmensberatung Frost & Sullivan in einer Studie voraus.
Ganz allgemein sei das Potenzial des Geschäftsmodells enorm, sagt Berater Franck Leveque. Rund eine halbe Million Mitglieder, die einige hundert Millionen Euro Umsatz bringen, seien heute europaweit bei Carsharing-Firmen registriert. Bis 2020 erwartet Frost & Sullivan ein Anwachsen auf 14 Millionen Mitglieder und sieben Milliarden Euro Umsatz. Dabei hätten die Briten gute Chancen, Deutschland als Europas heute größten Carsharing-Markt abzulösen. Denn auf der Insel werde der Carsharing-Gedanke von der öffentlichen Hand stärker unterstützt. Schon heute gilt London als Europas Carsharing-Hauptstadt und wird weltweit nur noch von New York übertroffen. Die streng per teurer Maut regulierte Einfahrt in die Londoner City limitiert die individuellen Verkehrsströme dort zukunftsweisend.
Das begünstigt Carsharing. Ein von vielen Kunden geteiltes Auto ersetzt acht bis zehn Privatfahrzeuge, hat Frost & Sullivan herausgefunden. Zudem liege die Fahrleistung von Carsharing-Mitgliedern fast ein Drittel niedriger als die privater Autobesitzer. Dieses Verhalten macht sich laut der Studie nicht nur für die Umwelt sondern auch positiv im Geldbeutel der Verbraucher bemerkbar. Sie sparen demnach per annum rund 1700 Euro.
Trendwende in Großstädten
Typischerweise sind Carsharing-Mitglieder männlich (60 Prozent), Mitte 30 und überdurchschnittlich gebildet, haben die Unternehmensberater ermittelt. Für die großen Metropolen Europas, der USA und Japans sagen sie eine bemerkenswerte Trendwende voraus. Pro 1000 Einwohner besitzen heute 353 in Tokio ein eigenes Gefährt. Bis 2025 soll die Rate laut Studie auf 340 schrumpfen. Für New York wird ein Rückgang von 230 auf 220 vorausgesagt, für London ein Minus von 400 auf 340. In Schwellenländern geht es dagegen voraussichtlich noch in die andere Richtung, beispielsweise in Peking von 35 auf 155 Privatautos pro 1000 Einwohner oder in Sao Paulo von 150 auf 335.