Hannover. Hans-Hermann Junge hat eine klare Vorstellung, wie es mit intelligenten Stromnetzen vorangehen kann. "Die Politik muss mehr Förderprogramme auflegen und Pilotprojekte anstoßen."
Erkenntnisse daraus müssten dann auf neue Vorhaben übertragen werden. Und ganz wichtig ist dem Leiter des IBM-Geschäftsbereichs Smarter Cities, dass die Politik dafür sorgt, dass alle Beteiligten gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Kooperation ist tatsächlich nötig. Denn intelligente Stromnetze sind eine der anspruchsvollsten Infrastrukturaufgaben, und es geht um sehr viel Geld. Chinas Regierung will bis 2019 stolze 100 Milliarden Dollar für Smart Grids investieren. In den USA stehen acht Milliarden zur Verfügung. In Deutschland läuft seit Ende 2008 das Projekt E-Energy, das nur 140 Millionen Euro schwer ist. IT-Dienstleister hoffen auf Aufträge.
"An den Smart Grids geht kein Weg mehr vorbei, sie werden kommen", sagt Ludwig Karg, Geschäftsführer der Beratungsfirma BAUM. Er leitet die begleitende Forschung zu E-Energy, das in sechs Modellprojekten Smart- Grid-Anwendungen testet. Bei intelligenten Netzen geht es nicht um neue Leitungen, sondern "nur" darum, Stromerzeugung und -verbrauch durch IT zu steuern. Dafür müssen viele Komponenten verkoppelt werden.
Was bringt es den Kunden? "Smart Grids dienen dem Umweltschutz, denn die CO2-Belastung wird verringert und die Leute können Geld sparen", sagt Holger Skurk, IT-Infrastrukturexperte beim Verband Bitkom. Dazu sind intelligente Stromzähler nötig. Sie zeigen den Verbrauch der Geräte im Haus an und schalten sie auch an und aus.
Das macht aber erst Sinn, wenn nicht mehr Standardstromtarife mit einem Einheitssatz rund um die Uhr gelten. Immerhin: Stromerzeuger sind von 2011 an verpflichtet, flexible Tarife anzubieten. Ist das Angebot an Elektrizität groß und die Nachfrage gering - nachts etwa - wird Strom billig angeboten. Abends bei großem Bedarf wird es teuer.
Der Smart Meter kann dann dafür sorgen, dass Kühltruhe oder Waschmaschine vor allem mit Billigstrom laufen. Der moderne Zähler macht noch mehr, er übermittelt zudem an den Betreiber des Netzes, wann wie viel Elektrizität benötigt wird. Mit diesen Daten errechnen Computer Verbrauchsprognosen.
Gleichzeitig werden Vorhersagen über die Produktion eingespeist, um die Netze "in Balance" zu halten, wie Junge sagt. "Das wird an Bedeutung gewinnen, da der Anteil der erneuerbaren Energien steigt, die nicht kontinuierlich Elektrizität liefern", erläutert Karg.
Eine zentrale Rolle würden dabei Elektroautos spielen - als Strommakler. Die Akkus laden sich auf, wenn es viel Solar- oder Windstrom oder billigen Nachtstrom gibt. Es kann aber auch Strom aus den Akkus verkauft werden, wenn er abends dringend benötigt wird. "Die Automobilbauer müssen aber jetzt auch Fahrzeuge liefern", fordert Karg.
Skurk hält es für besonders wichtig, dass Firmen und Politik dafür sorgen, dass Standards definiert werden. So lange nicht klar ist, was etwa Smart Meter genau können müssen, wird es schwer, sie unter die Leute zu bringen. Skurk mahnt, die Dinge "zeitnah" anzugehen. Deutschland dürfe nicht ins Hintertreffen geraten.