Jahrelang hat sich die Stuttgarter Apothekerin nicht dafür interessiert, wie ihre Stammkundschaft über das Megaprojekt am Hauptbahnhof in Stuttgart denkt. Jetzt will sie’s wissen: „Was halten Sie denn davon?“, fragt sie. „Jetzt ist es wichtig“, erläutert die Apothekerin – und outet sich als Gegnerin von „Stuttgart 21“.
Die Enddreißigerin ist in stattlicher Gesellschaft. Immer mehr Menschen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt engagieren sich gegen den Umbau vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof und gegen das neue Stadtviertel, das um die freiwerdenden Gleisanlagen entstehen soll – von Wohnungen für 11.000 Menschen und 16.000 neuen Arbeitsplätzen schwärmen die Hochglanzprospekte. Prominente sind unter den Neinsagern, der TV-Serienheld Walter Sittler, Sterne-Koch Vincent Klink. Auch Kollegen aus unterschiedlichen Konzernetagen, wie Gerd Rathgeb und Edzard Reuter, beide lange „beim Daimler“, der eine als Betriebsrat, der andere als Vorstandschef.
Oder die Frau aus Feuerbach, die montags immer kommt. „Wir haben noch nie demonstriert“, bekennt sie. Ihre Freundin erzählt: Als damals im südbadischen Wyhl gegen das Atomkraftwerk demonstriert wurde, waren die Kinder zu klein; die Mutlanger Blockaden gegen die Pershing-II-Raketen erschienen ihr „zu gefährlich“; während der berühmten Menschenkette von Stuttgart nach Ulm im Oktober 1983 „waren wir in Urlaub“. Die Mittfünfzigerin zuckt die Schultern, als müsse sie sich entschuldigen dafür, dass Baden-Württembergs jüngere Protestgeschichte ohne sie stattfand. „Diesmal bin ich dabei“, sagt sie, „jetzt kommt es auf jeden an.“
Auf jeden: auf Naturfreundinnen und BUND-Mitglieder, auf bürgerliche Spender und freiwillige Ordner bei den Montags-Demos, auf die Grünen, die gewiss auch wegen „Stuttgart 21“ die größte Gemeinderatsfraktion stellen – und auf immer mehr Sozialdemokraten.
„Wir haben die Wahrheit auf unserer Seite“
Wie Liesel Hartenstein. Die frühere SDR-Journalistin saß 22 Jahre für die SPD im Bundestag, bald wird sie 82. Mit ihrer Partei ist sie im Unreinen. Viel zu früh und viel zu unkritisch hätten sich die SPD-Fraktionen in Gemeinderat und Landtag das Projekt zu eigen gemacht. Nach so langer Zeit in der Politik weiß sie, wie schwer die Abkehr von Grundsatzbeschlüssen fällt. „Aber wir haben die Wahrheit auf unserer Seite“, sagt Hartenstein. „Nehmen Sie nur das Kostenargument, wir prophezeien keine Explosion, die Kosten sind schon explodiert.“ Die Befürworter, auch in ihrer Partei, „ducken sich weg, wenn solche Fakten auf den Tisch kommen“.
Ein Moratorium wollen die Gegner durchsetzen, mit den Befürwortern reden, sie überzeugen. Das steht im „Stuttgarter Appell“, den nach Angaben der Initiatoren fast 30000 Menschen unterschrieben haben. „Und es werden täglich mehr“, sagt Peter Grohmann, Kabarettist und Aktivist, demonstrationserfahren seit Jahrzehnten. Er hätte fast nicht mehr daran geglaubt, dass sich gegen dieses Vorhaben von Bahn, Bund, Land und Stadt noch einmal so viele Menschen mobilisieren lassen. Grohmann strahlt und zeigt auf eine Gruppe Erwachsener mit vier Kindern: „Und da wächst die nächste Generation heran. Noch ist nichts verloren.“
Zweckoptimismus gehört zu den Demonstrationen wie der „Schwabenstreich“ am Schluss: eine Minute Lärm. Am Montag war der auch Ablenkung, um unter den Augen der Polizei den Bauzaun zu öffnen. Die will jetzt eine andere Gangart anschlagen. In der Nacht zu Donnerstag löste sie eine Sitzblockade von Demonstranten auf, die die Einfahrt eines Radbaggers auf das Baugelände verhindern wollten. Laut Polizei wurden die Demonstranten von Beamten „mit unmittelbarem Zwang“ weggetragen, da sie der Aufforderung nicht nachgekommen seien, die Einfahrt zum Baugelände freizumachen.
„Wir wollen keine Randale“
Offenbar war die Polizei schon beim Einsatz am Montag nicht zimperlich: „Sie verdrehten (Protestierenden) Köpfe und Füße und schleiften sie weg“, schreibt ein FR-Leser, „ich selbst wurde anschließend ähnlich behandelt. Ich saß frei mit angezogenen Knien, damit man mich leicht wegtragen könnte. Die Polizisten sagten, sie trügen mich nicht weg, verdrehten meinen Kopf, und bogen meine Finger um. Wir waren alle komplett überrascht von der riesigen Übermacht und der großen Brutalität, mit der gegen die Blockierer vorgegangen wurde.“
Doch das Vorgehen der Polizei ficht vor allem die Jungen nicht an. „Wir wollen keine Randale“, sagt einer mit Strohhut und Vuvuzela, „aber wir sind auch kein Knabenchor.“ Es geht laut zu, ausgelassen und lustig. „Hände weg von meinem Sack…bahnhof“, schreit einer in Endlosschleife, dehnt die Pause kunstvoll, schlägt die Riesentrommel, bis ihm die Luft ausgeht. Nächsten Montag, zur 40. Demo ihrer Art gegen „Stuttgart 21“, kommt er wieder. Ehrensache.