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Überfüllte Straßen: Vor dem Verkehrs-Infarkt

Frankfurt ist Deutschlands Kapitale der Mobilität. Täglich pendeln über 600.000 Menschen in die Stadt. Die Belastungen durch Auto und Bahn wachsen – aber Mobilität ohne Lärm und Abgase ist möglich.

Engpass: Auf der A661 zwischen den Stadtteilen Seckbach und und Bornheim ist der Verkehrsinfarkt täglich möglich.
Engpass: Auf der A661 zwischen den Stadtteilen Seckbach und und Bornheim ist der Verkehrsinfarkt täglich möglich.
Foto: Alex Kraus

Stau auf der A66, in der Friedberger Landstraße geht längst nichts mehr, drüben in Eschborn- Süd stehen sie wie jeden Morgen, und auf der A661 wird wieder mal gehupt, weil alles stockt: Frankfurt erlebt und erduldet morgens und abends das gleiche Spiel: In Deutschlands Kapitale der Mobilität, die angesichts von mehr als 600.000 Pendlern tagsüber zur Millionenstadt wächst, kommt es mit beklemmender Regelmäßigkeit zum zeitweisen Stillstand.

Stadt und Region wachsen und mit ihnen der Verkehr. Dass angesichts der Belastung ein Verkehrsinfarkt droht, ist längst zum Allgemeinplatz geworden. Den Preis des mobilen Individualverkehrs, der Mobilität mit Auto und Motorrad, zahlen vor allem Menschen, die in Städten entlang der Autobahnen und Einfallstraßen leben.

Über 60.000 Frankfurter leiden unter Krach

Mit Inkrafttreten der Umgebungslärmrichtlinie müssen Städte Lärmkarten für vielbefahrene Verkehrswege erstellen. Die Ergebnisse sind alarmierend: Allein in Frankfurt sind 203.100 Menschen – fast ein Drittel der Bevölkerung – über den gesamten Tag von Lärmpegeln betroffen, die über 55 Dezibel (dB) liegen. Davon leiden rund 60.800 Menschen unter Krach, der lauter als 65 dB ist und immerhin noch 2900 Menschen unter Lärm, dessen Pegel jenseits der 75-dB-Grenze liegt.

FR-Serie

Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Aber wie viel Mobilität, wie viel Verkehr verträgt der Mensch in der Stadt? Die FR will in den nächsten Wochen mit der heute anlaufenden Serie „Mobilität in Rhein-Main“ Antworten auf diese Frage geben.

Wir berichten über Lärmbelastungen und testen, mit welchem Verkehrsmittel der Weg ins Büro schneller zu bewältigen ist. Wir sprechen mit einem Verkehrsminister über Tempolimits und stellen Ihnen knifflige Fragen zum Thema Mobilität. Wir haben ein Elektroauto erprobt und prüfen das Leihsystem für Fahrräder in der Stadt. In einem Streitgespräch versuchen wir zu klären, ob die City-Maut ein taugliches Mittel ist und welche Anforderungen ein Mobilitätsmanagement der Zukunft stellt – ein Management, das eine flexible und leichte Kombination verschiedener Verkehrsmittel ermöglicht.

Lärm zählt in den Großstädten zu den gravierendsten Umweltproblemen, darin sind sich EU, Europäische Umweltagentur, Umweltbundesamt und Frankfurts Dezernenten für Umwelt und Verkehr, Manuela Rottmann und Stefan Majer (beide Grüne), einig.

Aber Mobilität ist auch die Grundlage persönlicher Freiheit und Basis von Wirtschaftswachstum. Wie lässt sich der wachsende Verkehr so organisieren, dass Umweltwirkungen – CO2-Ausstoß und Lärmemissionen – reduziert werden, ohne die Mobilität unverhältnismäßig zu verteuern oder gar unmöglich zu machen?

80 Prozent der EU-Bürger leben in Großstädten

Was die Umweltwirkungen angeht, ist die Bilanz ernüchternd. Seit 1990 sind die Treibhausgasemissionen des Verkehrs (CO2, Methan und andere Gase) nach Angaben der Europäischen Umweltagentur um 29 Prozent gestiegen. Nach wie vor ist der Verkehr zu 96 Prozent von Öl und Ölerzeugnissen abhängig.

Weil 80 Prozent der Menschen in der EU inzwischen in Großstädten leben, drücken die Probleme vor allen in den Ballungsräumen. „Die Städte leiden am stärksten unter Überlastung, schlechter Luftqualität und Lärmbelästigung“, heißt es im aktuellen Weißbuch Verkehr der EU, das im Juni veröffentlicht worden ist. „Auf den Stadtverkehr entfallen rund ein Viertel der verkehrsbedingten CO2-Emissionen und 69 Prozent aller Verkehrsunfälle.“

Wer Städte als lebenswerte Orte erhalten und eine weniger umwelt- und damit menschenbelastende Mobilität gewährleisten will, muss deshalb im Verkehrssektor umsteuern. „Der Verkehr in Europa steht am Scheideweg“, konstatiert die EU-Kommission und definiert Ziele: Bis 2030 soll die Zahl von Autos in Städten, die mit konventionellem Kraftstoff fahren, halbiert werden. Bis 2050 soll auf diese Autos vollkommen verzichtet werden. Nutzerentgelte für alle Autos im gesamten Straßennetz sollen erhoben werden und Kosten, die durch Luftverschmutzung und Lärmbelastung entstehen, internalisiert, den Verursachern also in Rechnung gestellt werden. Vor allem aber sollen bis 2050 aller Lieferfahrzeuge in Städten emissionsfrei fahren.

Die Verkehrspolitik in Stadt und Region zeigt freilich Erfolge: Seit 1988 ist die Zahl der Autos in Frankfurt, die innerhalb des Alleenrings fahren, um ein Viertel gesunken.

Eine Reise zu Menschen, die an Stadtautobahnen leben

Miquelallee
Die Carl-Schurz-Siedlung zählt an der Miquelallee stadtauswärts zu den verlärmtesten Vierteln Frankfurts. Auf drei Spuren brausen Autos, Lastwagen und Busse Richtung Westen, ein Gespräch am Straßenrand ist in normaler Lautstärke unmöglich. Aber Lärm ist hier, wo der Pegel am höchsten steigt, offenbar kein Thema. Die Passantin aus dem ehemaligen Jugoslawien wohnt seit sechs Jahren in der Joachim-Becher-Straße und sagt, ja, das sei laut, aber „man gewöhnt sich dran“. Detlef Köster sagt das auch. Der 52-Jährige wohnt nebenan in der Karl-Scheele-Straße und sagt, dass dort über Lärm nicht gesprochen wird. „Man hat sich dran gewöhnt, sich damit abgefunden.“

Autor:  Jürgen Schultheis
Datum:  3 | 9 | 2011
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