Stau auf der A66, in der Friedberger Landstraße geht längst nichts mehr, drüben in Eschborn- Süd stehen sie wie jeden Morgen, und auf der A661 wird wieder mal gehupt, weil alles stockt: Frankfurt erlebt und erduldet morgens und abends das gleiche Spiel: In Deutschlands Kapitale der Mobilität, die angesichts von mehr als 600.000 Pendlern tagsüber zur Millionenstadt wächst, kommt es mit beklemmender Regelmäßigkeit zum zeitweisen Stillstand.
Stadt und Region wachsen und mit ihnen der Verkehr. Dass angesichts der Belastung ein Verkehrsinfarkt droht, ist längst zum Allgemeinplatz geworden. Den Preis des mobilen Individualverkehrs, der Mobilität mit Auto und Motorrad, zahlen vor allem Menschen, die in Städten entlang der Autobahnen und Einfallstraßen leben.
Über 60.000 Frankfurter leiden unter Krach
Mit Inkrafttreten der Umgebungslärmrichtlinie müssen Städte Lärmkarten für vielbefahrene Verkehrswege erstellen. Die Ergebnisse sind alarmierend: Allein in Frankfurt sind 203.100 Menschen – fast ein Drittel der Bevölkerung – über den gesamten Tag von Lärmpegeln betroffen, die über 55 Dezibel (dB) liegen. Davon leiden rund 60.800 Menschen unter Krach, der lauter als 65 dB ist und immerhin noch 2900 Menschen unter Lärm, dessen Pegel jenseits der 75-dB-Grenze liegt.
Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Aber wie viel Mobilität, wie viel Verkehr verträgt der Mensch in der Stadt? Die FR will in den nächsten Wochen mit der heute anlaufenden Serie „Mobilität in Rhein-Main“ Antworten auf diese Frage geben.
Wir berichten über Lärmbelastungen und testen, mit welchem Verkehrsmittel der Weg ins Büro schneller zu bewältigen ist. Wir sprechen mit einem Verkehrsminister über Tempolimits und stellen Ihnen knifflige Fragen zum Thema Mobilität. Wir haben ein Elektroauto erprobt und prüfen das Leihsystem für Fahrräder in der Stadt. In einem Streitgespräch versuchen wir zu klären, ob die City-Maut ein taugliches Mittel ist und welche Anforderungen ein Mobilitätsmanagement der Zukunft stellt – ein Management, das eine flexible und leichte Kombination verschiedener Verkehrsmittel ermöglicht.
Lärm zählt in den Großstädten zu den gravierendsten Umweltproblemen, darin sind sich EU, Europäische Umweltagentur, Umweltbundesamt und Frankfurts Dezernenten für Umwelt und Verkehr, Manuela Rottmann und Stefan Majer (beide Grüne), einig.
Aber Mobilität ist auch die Grundlage persönlicher Freiheit und Basis von Wirtschaftswachstum. Wie lässt sich der wachsende Verkehr so organisieren, dass Umweltwirkungen – CO2-Ausstoß und Lärmemissionen – reduziert werden, ohne die Mobilität unverhältnismäßig zu verteuern oder gar unmöglich zu machen?
80 Prozent der EU-Bürger leben in Großstädten
Was die Umweltwirkungen angeht, ist die Bilanz ernüchternd. Seit 1990 sind die Treibhausgasemissionen des Verkehrs (CO2, Methan und andere Gase) nach Angaben der Europäischen Umweltagentur um 29 Prozent gestiegen. Nach wie vor ist der Verkehr zu 96 Prozent von Öl und Ölerzeugnissen abhängig.
Weil 80 Prozent der Menschen in der EU inzwischen in Großstädten leben, drücken die Probleme vor allen in den Ballungsräumen. „Die Städte leiden am stärksten unter Überlastung, schlechter Luftqualität und Lärmbelästigung“, heißt es im aktuellen Weißbuch Verkehr der EU, das im Juni veröffentlicht worden ist. „Auf den Stadtverkehr entfallen rund ein Viertel der verkehrsbedingten CO2-Emissionen und 69 Prozent aller Verkehrsunfälle.“
Wer Städte als lebenswerte Orte erhalten und eine weniger umwelt- und damit menschenbelastende Mobilität gewährleisten will, muss deshalb im Verkehrssektor umsteuern. „Der Verkehr in Europa steht am Scheideweg“, konstatiert die EU-Kommission und definiert Ziele: Bis 2030 soll die Zahl von Autos in Städten, die mit konventionellem Kraftstoff fahren, halbiert werden. Bis 2050 soll auf diese Autos vollkommen verzichtet werden. Nutzerentgelte für alle Autos im gesamten Straßennetz sollen erhoben werden und Kosten, die durch Luftverschmutzung und Lärmbelastung entstehen, internalisiert, den Verursachern also in Rechnung gestellt werden. Vor allem aber sollen bis 2050 aller Lieferfahrzeuge in Städten emissionsfrei fahren.
Die Verkehrspolitik in Stadt und Region zeigt freilich Erfolge: Seit 1988 ist die Zahl der Autos in Frankfurt, die innerhalb des Alleenrings fahren, um ein Viertel gesunken.
Miquelallee
Die Carl-Schurz-Siedlung zählt an der Miquelallee stadtauswärts zu den verlärmtesten Vierteln Frankfurts. Auf drei Spuren brausen Autos, Lastwagen und Busse Richtung Westen, ein Gespräch am Straßenrand ist in normaler Lautstärke unmöglich. Aber Lärm ist hier, wo der Pegel am höchsten steigt, offenbar kein Thema. Die Passantin aus dem ehemaligen Jugoslawien wohnt seit sechs Jahren in der Joachim-Becher-Straße und sagt, ja, das sei laut, aber „man gewöhnt sich dran“. Detlef Köster sagt das auch. Der 52-Jährige wohnt nebenan in der Karl-Scheele-Straße und sagt, dass dort über Lärm nicht gesprochen wird. „Man hat sich dran gewöhnt, sich damit abgefunden.“
Königsteiner Straße
Ingrid Wentzel wohnt seit zwei Jahren mit ihrem Mann an der Nord-Süd-Verbindung von Bad Soden und Höchst. Das Paar ist von Sulzbach herübergezogen, wollte sich eine kleine, verkehrsgünstig gelegene Wohnung nehmen, nicht zuletzt des Alters wegen. Die Wohnung liegt zwischen Autobahnabfahrt Höchst und Königsteiner Straße. Vor zwei Jahren sind die Wentzels eingezogen, und als die 63-Jährige das erste Mal die Doppelglas-Fenster geöffnet hat, „sind wir ziemlich erschrocken“. Der Einkaufsverkehr ins Main-Taunus-Zentrum, die Lebensmitteldiscounter, die bis 24 Uhr geöffnet haben und Motorradfahrer, die ihre Maschinen aufdrehen – die Königsteiner Straße zählt zu den am stärksten verlärmten Verkehrsachsen der Stadt. Musik hören oder ein Buch lesen bei offenem Fenster sei völlig ausgeschlossen, Entspannung sei gar nicht möglich, zumal hinter dem Haus die Abfahrt Höchst liegt und zusätzlicher Autolärm von der A66 herüberweht. Und im November will das MTZ die zweite Ladenzeile eröffnen. „Da geht dann die Post hier ab“, sagt die 63-Jährige. Warum, fragt Wentzel, kann die Stadt nicht wenigstens in der Nacht auf dieser Strecke Tempo 30 anordnen?
Wenige Kilometer stadteinwärts umfassen A66 und A648 in einem Bogen die Carl-Sonnenschein-Siedlung. Hier verläuft die gleichnamige Straße unweit der Lärmschutzwand der Autobahn.
Julius-Leber-Weg
Ibrahim Üyücü lebt mit seiner Frau seit 1984 am Julius-Leber-Weg. „Es ist laut hier“, sagt der 59-Jährige. Es gab Zeiten, da konnte Üyücü in der Nacht kaum schlafen. Vor zehn Jahren hat die Nassauische Heimstätte Doppelglas-Fenster einbauen lassen. Seither hat der Verkehr zwar zugenommen, aber mit den Fenster ließe es sich jetzt wenigstens einigermaßen schlafen.
Wegziehen wegen des Lärms? Nein, sagt Üyücü, er arbeite am Flughafen, und der ist über die Autobahn schnell zu erreichen. Aber ruhiger dürfe es schon sein, und wie Streiths und Wentzels hat auch Üyücü bedauert, dass das Tempolimit von 80 auf 100 km/h erhöht worden ist. Tempo 80 und eine höhere Lärmschutzwand, das könnte helfen, sagt der 59-Jährige.
Kohlbrandstraße
Anita Homburg hat am Freitagnachmittag wenig Zeit, ihre Mutter wartet, sie wollen in den Urlaub fahren. Die 35-Jährige ist in einem der Hochhäuser in der Kohlbrandstraße in Bornheim aufgewachsen, oben im 14. Stock, wo der Blick weit hinausgeht in die Landschaft, von dort aber auch der Lärm der A661 anbrandet.
„Die Mutter kriegt den ganzen Lärm ab“, sagt Anita Homburg. Der Verlärmung ist sie entwöhnt, seit sie im Bad Vilbeler Stadtteil Gronau wohnt. An den ersten Morgen in der neuen Wohnung kann sie sich noch gut erinnern. „Wir sind erst um 11.30 Uhr aufgewacht, wir konnten so lange schlafen, weil es fast totenstill war. Als wir die Vögel zwitschern hörten, dachten wir, was machen die denn für einen Rabatz.“ Wenn sie die Mutter heute besucht, könne sie hier am Wochenende kaum schlafen.
Ans Wegziehen hat auch Marion Hofmann schon gedacht. Sie wohnt im gleichen Haus, im 13. Stock, mit Blick zur Stadt hin. Den Berufsverkehr morgens und abends kennt sie zur Genüge. „Vom Küchenfenster kann ich hinüberschauen bis zum Kaiserlei. Sie glauben gar nicht, was da morgens und abends los ist, was da gehupt wird.“ Es gebe Tage, das sei es etwas ruhiger, „aber unter der Woche ist es schlimm“. Einige Freunde seien inzwischen wegen des Lärms weggezogen, „andere überlegen, ob sie weggehen“, sagt die 57-jährige Hofmann. Sie aber fühlt sich verwurzelt, schätzt das Viertel und möchte vielleicht doch dort wohnen bleiben, „auch wenn die Wohnqualität nicht mehr so ist“.
Westring
Am südlichen Ende Westhausens bilden Westring, Stefan-Heise- und Johanna-Kirchner-Straße Parallelen, abgeschlossen durch die Ludwig-Landmann-Straße. Martina Streith packt gerade einen Bistro-Tisch in ihren Golf, es ist der Auftakt für den Umzug der Familie in den Riederwald, wo sie eine Dienstwohnung am Waldrand beziehen wird. Der 43-Jährige hat die Nase voll. „Der Umzug hat auch mit dem Lärm zu tun“, sagt Streith. Das Viertel ist belastet durch den Krach der Ludwig-Landmann-Straße und der A66. „Besonders die Motorräder sind unangenehm, wenn sie auf hohe Geschwindigkeit beschleunigen“, sagt ihre Mutter Angelika Streith.
Seit 1973 wohnen die Streiths in der Stefan-Heise-Straße. Mit sieben Jahren ist die Tochter mit dem Rad über die Autobahnbaustelle gefegt, „wir sahen aus wie die Wutze“, sagt Martina Streith. Der Westring war kaum befahren, eine ungefährliche Spielstraße sei das gewesen. „Wenn sie heute sonntags hierherkommen, müssen sie froh sein, wenn sie überhaupt einen Parkplatz bekommen“, sagt sie. Inzwischen hat der Verkehr und mit ihm die Lärmbelastung dramatisch zugenommen. „Dieses ständige Brummen und Rauschen, man denkt, dass man einen Tinnitus hat.“ Der Sohn schlafe schlecht, wache häufiger auf in der Nacht. Martina Streith fühlt sich zuweilen bis in die Nacht von der Lärmkulisse umstellt. Und die Belastung werde durch den wachsenden Flugverkehr noch weiter erhöht.
Dass die Geschwindigkeitsbegrenzung vom Land von 80 auf 100 Stundenkilometer erhöht worden ist, findet bei den Streiths keinen Beifall. „Jetzt fahren sie 120 km/h und entsprechend größer ist der Lärm“, sagt Mutter Angelika Streith.
Ein paar Kilometer weiter im Westen der Stadt ist Ingrid Wentzel gerade aus ihrem Garten am Höchster Vereinsbad zurückgekommen. Sie hat Brombeeren gepflückt, jetzt soll Marmelade daraus werden.
Oberwiesenstraße/Am Lausberg
Viel Grün gibt es hier im Norden Preungesheims, und wer mit Frau K. durch die Huswertstraße geht, merkt schnell, dass Nachbarschaft in diesem Viertel ein Wort mit Bedeutung ist.
Aber es geht nicht immer so zu hier im Norden. Die A661 verläuft keine 200 Meter von den Wohnhäusern entfernt. Bei guten Wetterlagen, wenn der Wind von Osten weht, „ist es extrem laut“, sagt Frau K., die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Straßenlärm von der Autobahn, aber auch Fluglärm von Verkehrsmaschinen und Hubschraubern mischen sich zu einer Belastung, die manche Preungesheimer an die Grenze dessen führt, was sie als erträglich erleben.
„Und es wird immer schlimmer“, sagt die 65-Jährige, die mit ihrem Mann 1975 ein Haus Im Dorfgarten gebaut hat. Fenster zu öffnen sei kaum möglich, „weil immer diese Geräuschkulisse da ist“. Gerade nach dem Urlaub, nach autolärmfreien Wochen, „merken wir das besonders“. Sie wisse zwar, dass sie und ihr Mann in einer Großstadt lebten, „die Leute wollen ja Auto fahren“, sagt Frau K., „wir ja auch“. Aber wie manche Preungesheimer hatte sie gehofft, dass man mit Lärmschutz mehr erreichen kann. Weshalb sie die Forderung bekräftigt, zumindest die Lärmschutzwand entlang der Autobahn zu erhöhen, um wenigstens ein bisschen mehr Ruhe zu haben.
Max Schmidt kennt die Vorgeschichte der Autobahn, die Anfang/Mitte der 80er Jahre gebaut worden ist, kennt die Eingaben gegen den Bau und die Vorstöße des Ortsbeirats, die Lärmschutzwand zu erhöhen. Schmidt hat dem Ortsparlament bis vor fünf Jahren vorgestanden. Jetzt steht der 75-Jährige in seinem Garten, der an die Lärmschutzwand grenzt, und deutet auf einen mächtigen Nussbaum, „einer der größten der Stadt“, sagt Schmidt.
Die Schmidts sind begünstigt durch die Lage. Die Autobahn verläuft rund sieben Meter über Gartenniveau, der Schall geht zum Teil über das Grundstück hinweg. „Zu 90 Prozent stört mich der Autolärm nicht, zu zehn Prozent schon“, sagt der ehemalige Ortsvorsteher. Bei Ostwind wird es auch dem 75-Jährigen zu viel, der sagt, dass Frankfurt viele Pendler habe und die ja irgendwo fahren müssten. „Wir brauchen die Autos, die Stadt lebt davon.“ Schmidt sagt aber auch, dass die Lärmschutzwand erhöht werden muss. „Wenn die Lastwagen hier vorbeifahren, sieht man die Fahrer in den Führerhäusern sitzen.“
Wer nahe der Autobahn wohnt, hat hier meist abgewogen, wie groß der Preis ist, den man für die Lärmbelastung zahlen muss. Manchen ist dieser Preis zu hoch, andere, wie Nina Jensen-Kusk, leben gerne in Preungesheim. Vor sieben Jahren hat die heute 33-Jährige mit ihrem Mann und den Kindern ein Haus am Nonnhof bezogen. Auch ihr fällt die Geräuschkulisse erst auf, wenn die Familie aus dem Urlaub zurückkehrt und an den verlärmten Stadtrand kommt. Oder wenn sich ein Unfall ereignet: „Da hört das Rauschen abrupt auf, wie kürzlich, als ein Motorradfahrer verunglückt ist. Plötzlich war es ruhig, mein Mann hat gesagt, da ist was passiert. Kurz darauf haben wir den Rettungshubschrauber gehört.“ Ja, es sollte leiser sein, aber „wenn ich das mit New York vergleiche, haben wir’s hier richtig gut“.