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Mohammed-Video
Der Protest der Muslime gegen das Schmähvideo.

19. September 2012

Frankreich Mohammed-Karikaturen: Provokation als Stilmittel

 Von Stefan Brändle und Ralf Mielke
Das französische Satire-Magazin "Charlie Hebdo" provoziert mit einer Karikatur auf der Titelseite. Foto: dapd

Nach der Veröffentlichung neuer Mohammed-Karikaturen in Paris schließt Frankreich Botschaften und Schulen im arabischen Raum. Eine Protestkundgebung in der Hauptstadt wird untersagt. Unterdessen will sich auch die Titanic in ihrer neuen Ausgabe mit dem Islam beschäftigen.

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Paris –  

Zuerst der Anti-Mohammed-Film, jetzt die Mohammed-Karikaturen. Das französische Satireblatt "Charlie Hebdo" veröffentlicht in seiner neusten Ausgabe wie schon 2006 Zeichnungen des islamischen Propheten, die unter Moslems für heftige Entrüstung sorgen und in der islamischen Welt zu einem neuen Flächenbrand sorgen könnten.

Verantwortlich für die Publikation ist Stéphane Charbonnier (45), Chefredaktor des frechen Wochenmagazins und Zeichner in diversen linken Blättern. Auf der Titelseite von "Charlie Hebdo" malt er Mohammed im Rollstuhl, den ein orthodoxer Jude schiebt; im Innern trägt der Prophet einen Schweinekopf und fragt den Regisseur des Schmähfilms "Die Unschuld der Moslems", ob er auch damit Sex haben müsse. In einer anderen Karikatur betet Mohamed mit nacktem Hintern unter einem gelben - wohl jüdischen - Stern.

Der geschmacklos-schräge, traditionell provokative Humor nach Art von "Charlie Hebdo" sorgte am Mittwoch für reißenden Absatz an französischen Kiosken, sodass ein Nachdruck lanciert wird. Aber nicht alle sind amüsiert. Der Rektor der Großen Moschee in Paris, Dalil Boubakeur, wetterte über die "Eseleien" und warf dem Satireblatt vor, nach ersten Mohamed-Zeichnungen vor sechs Jahren rückfällig geworden zu sein: "Es ist ja bekannt, dass der Mensch das einzige Tier ist, dass zweimal ins gleiche Loch fällt." Von Medien befragt, äußerten sich alle französischen Moslems empört. "Natürlich braucht es die Meinungsfreiheit", meinte einer. "Aber alles hat seine Grenzen."

"Am Schluss zeichnet man nichts mehr"

Hackerattacken verhinderten am Mittwoch die Internetseite von "Charlie Hebdo" am Erscheinen. Die Polizei beschützte die Redaktionsräume, die Ende 2011 bereits einmal Opfer eines Brandanschlags geworden waren. "Charb", wie der Chefredaktor seine Karikaturen zeichnet, trat am Morgen kurz vor die Türe. "Wenn man anfängt sich zu fragen, ob man das Recht habe, Mohammed zu zeichnen, wird die nächste Frage sein, ob man das Recht habe, Moslems zu zeichnen, und dann, ob man noch Menschen zeichnen darf", deklarierte er, während zwei nervöse Leibwächter seinen Rücken deckten. "Am Schluss zeichnet man nichts mehr, und die Handvoll Extremisten in der Welt und in Frankreich hat gewonnen."

Auch dieses Argument vermochte nicht alle Franzosen zu überzeugen. Der Pariser Kardinal André Vingt-Trois äußerte Verständnis dafür, dass sich die Moslems "verletzt fühlen" müssten; der Präsident des jüdischen Dachrates Crif, Richard Prasquier, sprach von einem "verantwortungslosen Verhalten".

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Die Sprecher der Großparteien verurteilten die Veröffentlichung, nachdem sie die ersten Mohammed-Karikakturen 2006 zum Teil noch gutgeheißen hatten. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen attackierte sowohl die Karikaturisten als auch die Moslems, die wegen ein paar "Wirrköpfen" das Land in Feuer und Asche legen wollen.

Diese Angst treibt auch die französische Regierung um. Premierminister Jean-Marc Ayrault erklärte zwar, die Meinungsäußerungsfreiheit schließe auch das Recht des Karikierens ein; wer sich dadurch betroffen fühle, könne bei der Justiz Klage einreichen. Zugleich bedeute der Laizismus aber auch, dass man "die religiösen Überzeugungen anderer respektiert".

Außenminister Laurent Fabius bedauerte, dass das Satireblatt "Öl ins Feuer" gieße, und äußerte sich "besorgt" über mögliche Reaktionen in der islamischen Welt. In zwanzig hauptbetroffenen Ländern schließt Frankreich seine Botschaften, Konsulate, Kulturzentren und Schulen für mehrere Tage oder zumindest am Freitag, dem Tag des islamischen Gebets. Diese "Vorsichtsmaßnahme" werde in den nächsten Tagen "der aktuellen Situation angepasst", ließ das Außenministerium in Paris verlauten. In Tunesien schloss eine französische Schule schon am Mittwoch ihre Pforten.

Kultusrat mahnt zur Besonnenheit

In Paris empfing Innenminister Manuel Valls elf moslemische Würdenträger zu einer Aussprache. Moschee-Direktor Boubakeur erließ danach einen Appell zur Ruhe. Die gleiche Botschaft soll am Freitag auch in den französischen Moscheen verbreitet werden. Der moslemische Kultusrat Frankreichs (CFCM) verurteilte zwar die "islamophoben" Karikaturen, rief aber auch dazu auf, "sich nicht auf Provokationen einzulassen".

Hinter diesen Aufrufen ist der sanfte Druck der Regierung zu vermuten. Sie befürchtet auch in Frankreich selbst Ausschreitungen, nachdem die Polizei am vergangenen Samstag eine unbewilligte Demonstration von gut 200 Salafisten vor der Pariser US-Botschaft aufgelöst hatte. Seither zirkulieren Aufrufe für neue Protestkundgebungen in mehreren französischen Städten am kommenden Samstag. Premier Ayrault machte gestern klar, dass sie nicht bewilligt würden. Die Polizei bereitet sich in Paris trotzdem auf einen Großeinsatz vor.

"Titanic"-Chefredakteur verteidigt Hebdo

Leo Fischer, Chefredakteur des deutschen Satiremagazins Titanic, hat die Mohammed-Karikaturen in der  französischen Zeitschrift Charlie Hebdo verteidigt. In der Berliner Zeitung nannte er die Zeichnungen eine richtige Reaktion auf die „wahnsinnigen Ausschreitungen“. „Satire darf und muss alles“, sagte er. In seinen Augen ist speziell das Titelbild, auf dem ein Jude einen Moslem im Rollstuhl schiebt, eher noch zu harmlos. Den Vorwurf, mit derartigen Veröffentlichungen die Proteste noch anzuheizen, verstehe er nicht, sagte Leo. „Dann  darf man gar nicht darüber berichten“, sagte Fischer. Den Protest dagegen müsse es selbstverständlich auch geben dürfen, aber eben ohne Gewalt.

Fischer kündigte an, die  nächste Ausgabe der Titanic, die am  28. September erscheinen soll, werde sich auch mit dem Islam beschäftigen. Auf dem Titel ist eine Fotomontage abgebildet, auf der Bettina Wulff mit einem dolchschwingenden Film-Araber zu sehen ist. Schlagzeile: "Der Westen in Aufruhr – Bettina Wulff dreht Mohammed-Film!"

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