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Mohammed-Video
Der Protest der Muslime gegen das Schmähvideo.

20. September 2012

Mohammed-Video: "Das Video erzeugt Krebs"

Eine Familie in Beirut, Unterstützer der Hisbollah beobachtend. Foto: dapd/Husserin Malla

Der Schmäh-Film dient als Vorwand für innerislamische Kämpfe - ein Gespräch mit dem Schweizer Islamwissenschaftler ägyptischer Herkunft, Tariq Ramadan.

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Die sowohl friedlichen als auch gewalttätigen und mörderischen Proteste gegen das anti-islamische Hetz-Video setzen sich seit Tagen fort. Gestern rief der in Teheran geborene Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne) an dieser Stelle zur Vernunft auf und mahnte in den arabischen Ländern rechtsstaatliche Prinzipien an. Verbunden mit seinem Appell an die Besonnenheit des Westens war die Frage: „Welche Intellektuellen ergreifen das Wort?“ – Tariq Ramadan, geb. 1962 in Genf, ist ein Schweizer Islamwissenschaftler ägyptischer Herkunft.

Professor Ramadan, wie bewerten Sie das Vorhaben des Pariser Magazins „Charlie“, erneut Mohammed-Karikaturen zu zeigen?

Es ist einfach nur dämlich und geht nur darum, möglichst für viel Aufmerksamkeit zu sorgen. Es geht hier nur um Provokation, obwohl sie genau wissen, was im Augenblick in der Welt passiert. Sie wollen Publicity haben. „Charlie“ ist in Schwierigkeiten, deshalb brauchen sie Aufmerksamkeit.

Welche Reaktionen erwarten Sie?

Ich weiß es nicht. Der Außenminister hat 200 Botschaften schließen lassen. Sie sind besorgt, weil sie die Reaktionen nicht abschätzen können.

Gibt es Unterschiede zu dem Mohammed-Video oder den dänischen Karikaturen des Zeichners Kurt Westergaard?

Es ist dieselbe Mentalität, einfach zu versuchen, Auseinandersetzungen zu provozieren. Eine negative Mentalität.

Was sollten die Muslime Ihrer Meinung nach tun?

Sie sollten auf Distanz gehen und diese Menschen und das, was sie tun, einfach ignorieren.

Die Reaktionen in der muslimischen Welt auf Schmähungen des Propheten Mohammed im Film waren extrem gewalttätig.

Es handelt sich eindeutig um eine Überreaktion. Die Gewalt darf man in keiner Weise tolerieren. Was auf die Tötung der Diplomaten in Ägypten, Pakistan und Afghanistan folgte, ist absolut nicht akzeptierbar und unislamisch. Ich appelliere an das Bewusstsein der Muslime, dass sie diesen emotionalen Ausbruch nicht folgen. Die Emotionen werden allerdings nur von einer kleinen radikalen Minderheit geschürt, die versucht, die Mehrheit in den muslimischen Ländern zu dominieren. In den muslimischen Ländern gibt es jedoch zurzeit eine Menge an Frustrationen, Ärger gegenüber dem Westen und den Vereinigten Staaten. Deshalb wäre es wichtig, wenn Studenten und die Eliten eine viel stärkere Rolle übernehmen, um diese Attacken zu verhindern.

Es war ein enormer Gewaltausbruch. Gibt es einen größeren Hintergrund, vor dem sich dies alles abspielt?

Nein. Wenn wir auf das blicken, was sich am ersten Tag in Ägypten, in Syrien, in Tunesien oder im Jemen abgespielt hat oder später in Afghanistan oder Indonesien, erkennt man, dass die erste Reaktion auf das Video von den Salafisten gekommen ist. Es sind Menschen, die in den Medien als Wahhabiten bezeichnet werden, was begrifflich nicht korrekt ist, weil sie salafistische Literalisten sind. Innerhalb der muslimisch-sunnitischen Gesellschaft gibt es einen Kampf zwischen den Muslimbrüdern und den Salafisten, um ihren Ort in der Politik und in der Gesellschaft zu finden. Dies ist Teil der Wirklichkeit des Nahen Ostens und der wahre Hintergrund des Geschehens.

Das scheint sich nicht nur hierauf zu beschränken. Der Führer der schiitischen Hisbollah im Libanon, Hassan Nasrallah, hat ebenfalls zu Protesten aufgerufen.

Nasrallah nutzt das Video, um öffentlich Emotionen zu schüren.

Woher kommen die tiefen Ressentiments gegenüber dem Westen?

Es ist ein sehr tiefes Ressentiment gegenüber der US-amerikanischen Regierung. Es ist begründet in der Unterstützung der Amerikaner für Israel. Aber auch die Kriege in Afghanistan und Irak mit dem Symbol Abu Ghraib haben den Hass weiter geschürt. Die Menschen hatten viel Hoffnung, dass Obama nun vieles ändern würde. Es gibt ein gängiges Ressentiment in der Bevölkerung, dennoch handelt es sich um eine Instrumentalisierung durch die Führer.

Viele hören aber auf die radikalen Stimmen.

Ja, das stimmt zwar. Wenn man aber auf die Botschaften schaut, fanden sich 2000 davor, einige hundert direkt vor den Gebäuden. Im Nahen Osten bis Indonesien war der Protest von der Anzahl her eher marginal. In Pakistan oder Indonesien agierten kleine Gruppen, die nicht repräsentativ sind. Es sind radikale Minderheiten, die agieren. Wir müssen jedoch das große Ganze in den Blick nehmen, dann sehen wir ein Bild von Millionen von Menschen, die friedvoll und in Würde leben wollen.

Außerhalb Europas scheint die islamische Welt dennoch nicht zu verstehen, dass in Europa Werte wie Meinungsfreiheit und andere demokratische Werte gelten.

Nein, das kann man so nicht sagen. Es geht um die ökonomischen Bedingungen in den Ländern. In den demokratischen Staaten Europas können die Menschen wirtschaftlich gesehen gut leben. In den mehrheitlich muslimischen Ländern muss man die emotionalen Reaktionen der Bevölkerung auch immer vor der historischen und sozialen Situation der Menschen sehen. Die Menschen sind frustriert, arbeitslos, sie kämpfen jeden Tag um ihr Überleben. Wenn dann jemand den Sinn, der ihrem Leben die Kraft zur Ausdauer verleiht, beleidigt, und wenn überdies islamische Führer versuchen, daraus ein Ressentiment zu schüren, lässt sich leichter verstehen, warum solche Gelegenheiten dazu führen, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Die westlichen Werte zu verteidigen heißt auch, die Gründe zu verstehen, warum Menschen mit Wut auf Beleidigungen reagieren.

In Deutschland wird diskutiert, ob es besser wäre, den Film zu verbieten. Wäre das richtig?

Erstens ist es zu spät hierfür. Und zweitens kann das nicht die Antwort sein. Google hat bereits klargemacht, dass es nicht daran denkt, so etwas in Zukunft zu unterlassen. Es würde meiner Meinung nach aber auch nichts verändern. Es geht darum, im Westen darüber zu diskutieren, wie man mit einer kleinen Gruppe von Menschen umgehen will, welche die noblen Rechte wie Meinungsfreiheit für ihre Zwecke nutzen, um andere zu stigmatisieren und Hass zu schüren. Die Menschen, die hinter dem Video stecken, erzeugen eine Art Krebs.

Das Gespräch führte Michael Hesse.

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