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Mohammed-Video
Der Protest der Muslime gegen das Schmähvideo.

22. September 2012

Mohammed-Video: Regierung distanziert sich von Mord-Aufruf

Seine Exzellenz, Haji Ghulam Ahmed Bilour, pakistanischer Minister für das Eisenbahnwesen, hat noch 100.000 Dollar im Portfolio für einen Mordauftrag. Foto: dpa

Pakistans Eisenbahnminister Ghulam bietet 100.000 Dollar demjenigen, der den Regisseur des Mohammed-Videos umbringt - und steht damit allein in der Regierung. "Wir distanzieren uns davon vollständig", erklärt Ministerpräsident Ashraf.

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Pakistans Eisenbahnminister Ghulam bietet 100.000 Dollar demjenigen, der den Regisseur des Mohammed-Videos umbringt - und steht damit allein in der Regierung. "Wir distanzieren uns davon vollständig", erklärt Ministerpräsident Ashraf.

Pakistans Regierung hat sich vom Aufruf des Eisenbahnministers zur Ermordung des Machers des anti-islamischen Films „Die Unschuld der Muslime“ distanziert. Der Mord-Aufruf sei nicht die „Politik der Regierung“, sagte ein Sprecher von Ministerpräsident Raja Pervez Ashraf am Sonntag. „Wir distanzieren uns davon vollständig.“ Eisenbahnminister Ghulam Ahmed Bilour hatte zuvor demjenigen 100.000 Dollar (rund 77.000 Euro) geboten, der den Filmemacher töte. Er forderte dabei die Taliban und das Terrornetzwerk Al-Kaida auf, sich der „noblen Sache“ anzuschließen.

Am Samstag hatten in Pakistan erneut tausende Menschen gegen den islamfeindlichen US-Film demonstriert. In der Hauptstadt Islambad marschierten mehr als 5000 Menschen, darunter hunderte Frauen, zum Parlament.

Nach den Freitagsgebeten waren in Pakistan zehntausende Menschen auf die Straße gegangen. Bei Ausschreitungen wurden nach jüngsten Angaben mindestens 21 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Gegen den Film „Die Unschuld der Muslime“, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, gibt es seit mehr als anderthalb Wochen Proteste in der islamischen Welt. Zusätzlich werden sie noch durch Mohammed-Karikaturen angeheizt, die jüngst im französischen Satire-Magazin "Charlie Hebdo" erschienen

60 Polizisten für 1 Demonstrant

Und zur Karikatur geriet denn auch der Video-Protest am Samstag in der südfranzösischen Metropole Marseille: In Erwartung eines verbotenen Protests von Muslimen gegen die Karikaturen fanden sich am Samstag 60 von einem Polizeihubschrauber unterstützte Bereitschaftspolizisten und etwa 30 Journalisten im Zentrum der Stadt ein - doch nur ein einziger Mensch, Omar Djellil, durchbrach das Demonstrationsverbot. Die Polizei hatte seinen Antrag auf eine legale Kundgebung abgelehnt. „Vielleicht bin ich heute der einzige, aber ich bin der Sprecher der schweigenden Mehrheit“, sagte Djellil.

In Paris nahm die Polizei 21 Muslime fest, darunter einige verschleierte Frauen. Auch in der nördlichen Stadt Lille unterband die Polizei eine geplante Protestaktion von etwa zwölf Frauen und nahm einen Mann fest. Innenminister Manuel Valls hatte für das Wochenende alle Proteste mit der Begründung verboten, sie wären unweigerlich eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung.

Niebel gegen Video

In Dortmund ging es weitaus friedlicher, aber auch bedeutend zahlreicher zur Sache: Dort demonstrierten am Samstag rund 1500 Menschen gegen das islamfeindliche Mohammed-Video. Die Demonstration, die am Mittag begann und gegen 14 Uhr mit einer Abschlusskundgebung in der Innenstadt endete, verlief nach Angaben eines Polizeisprechers „absolut störungsfrei und problemlos“. Unter den Teilnehmern seien auch viele Frauen und Kinder gewesen.

Am Freitag hatten bereits rund 1000 Menschen in Freiburg und Münster gegen das Schmähvideo demonstriert. Weitere Protestkundgebungen sollen am Wochenende in Karlsruhe und Hannover stattfinden.

Gegen den Film „Die Unschuld der Muslime“, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, gibt es seit mehr als anderthalb Wochen Proteste vor allem in der islamischen Welt. In Pakistan waren am Freitag zehntausende Menschen auf die Straße gegangen, bei Ausschreitungen wurden dort mindestens 17 Menschen getötet und 200 verletzt.

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) forderte, die Ausstrahlung des Videos in Deutschland zu verbieten. „So einen Film darf man nicht zeigen. Wir sollten nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen“, sagte er der Bild-Zeitung vom Samstag. Er sei zwar ein Freund der Meinungsfreiheit, wisse aber, dass diese Grenzen habe. „Derjenige, der sich in dieser Frage auf grenzenlose Meinungsfreiheit beruft, hat keine Ahnung, welche Konflikte dadurch noch provoziert werden können“, mahnte Niebel.

Wallraff gegen Wegducken

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) verurteilte jegliche Gewalt im Namen der Religion. „Die größte Beleidigung für eine Religion ist es, in ihrem Namen Gewalt auszuüben“, sagte er der Zeitung. „Deswegen müssen wir uns gemeinsam gegen die islamistische Terrorideologie wehren: selbstbewusst und mit einem klaren Bekenntnis zu unseren freiheitlichen Werten.“

Der Journalist und Schriftsteller Günter Wallraff forderte derweil die Veröffentlichung weiterer Mohammed-Karikaturen. „Solange sich nur einzelne Individuen oder Medien an dieser Demonstration von Freiheit beteiligen, wird nicht viel erreicht“, sagte er dem Berliner „Tagesspiegel“ vom Samstag. „Man müsste im Grunde die Zeitungen, Illustrierten, Magazine jetzt überschwemmen mit Karikaturen - und zwar zu allen Religionen. Das wäre eine deutliche Botschaft.“ Sich jetzt wegzuducken „ermutigt gerade diejenigen, die mit Drohungen, Einschüchterungen und mordlüsternen Aktionen Terrain gewinnen wollen“, sagte er.

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