Hotels für Touristen, Bergwerke und gewaltige Teleskope, der Mond ist für den früheren Chef der US-Raumfahrtbehörde Nasa Dan Goldin noch für manch künftige Überraschung gut. Zunächst aber müsse man nun intensiv auf der Internationalen Raumstation üben - für den Flug zum Mars. Mit Goldin , der von 1992 bis 2001 die Nasa leitete, sprach FR-Redakteur Karl-Heinz Karisch.
Frankfurter Rundschau: Herr Goldin , Präsident Kennedys Auftrag zum Mond zu fliegen, entstand 1961 in den Tagen der Krise um die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba. Den ersten Fuß auf unseren Trabanten setzte der Mensch dann 1969 auf dem Höhepunkt des Vietnam-Krieges. Was hat das Apollo-Programm für die Identität der Amerikaner bedeutet?
Daniel Goldin: Zunächst einmal war Apollo die geeignete politische Antwort auf die sowjetische Konkurrenz. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich dieser Wettbewerb gewandelt. Heute wird die Schlacht auf dem Globus um die Ökonomie geführt. Lebensstandard und -qualität der Nationen hängen von ihrer wissenschaftlichen und geschäftlichen Innovation sowie der wirtschaftlichen Stabilität ab. Die Investitionen der Nasa in Forschung und Entwicklung haben sich hervorragend ausgezahlt; sie haben auch unseren Haupt-Exportsektor, die Luftfahrt-Branche, vorangebracht. Das Gefühl der Amerikaner für Solidarität ist immer noch vorhanden, aber es hat sich von der Kriegsangst zum Antrieb für den wirtschaftlichen Fortschritt gewandelt. Zugleich hat uns das Raumfahrtzeitalter vor Augen geführt, dass alle Länder, ungeachtet ihrer Grenzen, sich einen einzigen, zerbrechlichen Blauen Planeten teilen.
Was können wir Neues lernen oder gewinnen, falls der Mensch eines Tages auf den Mond zurückkehren sollte?
Falls der Mond über Wasservorkommen verfügt, dann wäre er möglicherweise ein idealer Startpunkt für eine internationale Expedition zum Mars. Er könnte auch ein ausgezeichneter Ort zum Bau großer Teleskope sein, um nach fernen Planeten zu suchen, die andere Sonnen umkreisen. Für die Industrie könnte es sich als lohnend herausstellen, auf dem Mond seltene Rohstoffe abzubauen. Unser Erdtrabant könnte sogar Ziel für Touristen werden.
Werden die Ergebnisse die hohen Investitionen rechtfertigen?
Wie bei Apollo, der Internationalen Raumstation oder unseren Roboter-Missionen zum Mars: Die Nasa versucht, die vielen Rätsel unseres Universums zu erforschen. Der künftige Trip zum Mond wäre ganz sicher ein weiterer Schritt auf unserer Reise des Verstehens.
Die Teflon-Pfanne als Ergebnis der Raumfahrt ist längst als Mythos entlarvt. Welche Technologien des modernen Lebens stammen denn tatsächlich aus der Raumfahrt?
Ich persönlich halte die Miniaturisierung von Computer-Prozessoren für die wichtigste Innovation. Das Raumfahrt-Programm hat diese Technologie rasant vorangetrieben, der Nutzen für die Gesellschaft ist seit den Tagen von Apollo außerordentlich groß. Erstmals auch wurde Kommunikationstechnologie mit Sensoren, mit medizinischen und diagnostischen Geräten gekoppelt. Diese ,Hochzeit der Systeme' hat uns befähigt, heute problematische Prozesse zu überwachen; das gilt für die Industrie oder die Intensiv-Station im Krankenhaus. Patienten können unter ständiger medizinischer Kontrolle im Rettungswagen zur Klinik gefahren werden. Wir tendieren dazu, die Erkenntnisse des Apollo-Programms als Geschenk hinzunehmen. Aber die Erfolgsliste geht doch weiter und weiter: Kernspintomographie, metallisierte Oberflächen, berührungslose Materialprüfung, optische Instrumente, fortschrittliche Nahrung, Sportschuhe, Video-Geländevermessung, Wasseraufbereitung, Dialyseverfahren für Nierenkranke, drahtlose Werkzeuge und vieles mehr.
Hat die medizinische Forschung im All auch zu neuen Heilverfahren auf der Erde geführt?
Weder das Apollo-Projekt noch heutige Nasa-Programme haben neue Behandlungsmethoden für Krankheiten versprochen. Für Apollo war ein einziges Ziel formuliert worden: Schickt Menschen zum Mond und bringt sie sicher zur Erde zurück. Vor Apollo wussten wir nicht, ob der Mensch nach einer solchen Reise zum Mond auf der Erde gesund und produktiv weiterleben könnte. Heute wissen wir, dass das möglich ist. Gleichzeitig entstanden hunderte neuer Technologien. Erst seit Skylab, Apollo-Sojus und später auf den Raumfähren und der Raumstation Mir hat die Nasa die medizinische Forschung vorangetrieben. Wir gewinnen dadurch ein besseres Verständnis, wie der Mensch sicher im All leben und arbeiten kann.
Haben Sie deshalb den Weltraumveteranen John Glenn, der als erster Amerikaner die Erde umrundete, als 77jährigen noch einmal auf die Reise ins All geschickt?
Ja, er ist ein Beispiel dafür, wie Forschung im All unser Leben auf der Erde verbessern kann, indem wir zu neuen Erkenntnissen zum Prozess des Alterns gelangen. Ganz ähnlich den bekannten Alterserscheinungen zeigen Astronauten nach längeren Aufenthalten im Weltraum Knochenabbau, Muskelschwund und Gleichgewichtsstörungen. Wenn wir diese Prozesse verstehen, dann wird es künftig sowohl Astronauten als auch den Älteren auf der Erde nutzen. Diese Forschungen werden auf der Internationalen Raumstation fortgesetzt. Vor der weiteren Erforschung des Kosmos und der Grenzen hinter unserem Planeten müssen wir wissen, wie man im All gut leben kann. Obwohl wir bereits große Fortschritte in der Weltraumforschung gemacht haben, müssen wir noch sehr viel lernen, bevor wir uns an Herausforderungen wie eine Mars-Mission wagen können. Die Internationale Raumstation wird viele Lücken in unserem Wissen schließen helfen.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.