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Leitartikel: Che und der Mond

Für eine Zeit des Aufbruchs stehen 1968 wie die Mondlandung. Erstmals sahen wir die Erde als Ganzes. Ein blauer Planet, eine Nation? Heute leben wir, als sei nichts geschehen. Von Arno Widmann

Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Ohne Sputnik keine Mondlandung. Im Oktober 1957 war der erste künstliche Erdsatellit auf die Umlaufbahn gesetzt worden. Dass die Russen im Weltraum die Nase vorn hatten, dass sie 1959 das erste Foto der erdabgewandten Seite des Mondes lieferten, dass ihre Sonden als Erste auf dem Mond landeten - das durfte im Kalten Krieg nicht hingenommen werden. Dieser Vorsprung musste schnellstens eingeholt, überholt werden. Am 20. Juli 1969 war es dann so weit. Der erste Mensch, der den real existierenden Erdtrabanten betrat, war ein Amerikaner und der zweite auch und der dritte ebenso.

Vergangenes Jahr wurde viel über 1968 geschrieben, das Jahr des Aufbruchs, das Jahr, das für eine Epoche steht, in der die ganze Gesellschaft umgekrempelt werden sollte, in der keine Vorstellung zu utopisch war, um nicht auf die Tagesordnung zu kommen. Über die Mondlandung im Jahr darauf schrieb kaum jemand.

Dabei gehört das zusammen. Auch die, die das damals nicht so sahen, die die bemannte Raumfahrt womöglich als einen kostspieligen Abenteuerspielplatz für größenwahnsinnige Technikfreaks betrachteten, werden heute beim Rückblick beeindruckt sein von einer Zeit, in der keiner sich abschrecken ließ von klugen Leuten, die sagten: Das klappt nicht, das hat's noch nie gegeben.

Es war eine Zeit, in der viele fest der Überzeugung waren, sie könnten der Geschichte entkommen, indem sie eine ganz neue Seite aufschlugen, eine Seite, auf der Unterdrückung und Ausbeutung nicht mehr vorkommen sollten. Neben diesen gab es damals andere, die sich mindestens ebenso weit von der bisherigen Geschichte verabschieden wollten. 384 000 Kilometer weit weg von der alten Mutter Erde. Die Vorstellung, so wie einst die Europäer nach Amerika ausgewandert waren, so könnten bald die Amerikaner auf den Mond ausgreifen, wurde zwar von vielen belächelt, aber in einem Land, das jahrhundertelang immer wieder Grenzen gesetzt und wieder verrückt hatte, bildete sie die alles für möglich haltende, alles ermöglichende Hintergrundstrahlung.

Neil Armstrong und Che Guevara gehören zusammen. Sie sind Symbolfiguren dieser Epoche, einer Zeit des Aufbruchs, in der es keine Grenzen der Machbarkeit zu geben schien. Eine Zeit, in der man sicher war, dass - richtig angefasst - sich alle Probleme lösen lassen. Im Nachhinein erst begreift man, wie umfassend der Aufbruch war, wen er alles erregte und bewegte. Im Nachhinein freilich begreift man auch, dass der Grund dafür ein Optimismus war, wie er in langen Wachstumsphasen aufkommt. Die Zeit des Aufbruchs war in Wahrheit auch ein Abschluss, dem Jahre der Melancholie folgten.

Buzz Aldrin, einer der drei Astronauten, die 1969 den Mond betraten, erzählt: "Als wir während unseres ersten Mondumlaufs von der Rückseite des Mondes kamen, sahen wir unseren blauen Planeten als Halbkugel über dem Mondhorizont aufgehen..." Das ist der welthistorische Perspektivwechsel, den mit Aldrin, Armstrong und Collins damals die ganze Menschheit vollzog. Es ist Gottes Blick auf die Welt. Die Erde ein kleines, kostbares Raumschiff in einem unermesslichen All. Von nun an gibt es den Blick auf die Erde und die Menschheit. Es begann der Aufschwung eines Denkens, das nicht mehr auf die Umgestaltung der Welt, sondern auf ihre Bewahrung setzt.

Der 68er Bewegung wird gern ein Hang zum Totalitären nach gesagt. Das ist nicht falsch. Aber es gibt gute Gründe für diesen Hang. Niemals zuvor hatte man Erde und Menschheit in toto, als Ganzes sehen können. Dass alles mit allem zusammenhängt, war eine Behauptung dialektisch durchtriebener Geister gewesen. Jetzt konnte man es sehen. In atemraubenden Aufnahmen. Angesichts dieser Bilder schien die Vorstellung, dass die Menschheit sich zusammenschließen, sich zusammentun kann und sich als planetarische Nation begreift, nicht mehr ein frommer Wunsch oder eine denkerische Abstraktion zu sein, sondern fast schon notwendiger Reflex auf den Anblick der Lage.

Stattdessen wieder business as usual. Spionagesatelliten bevölkern die Umlaufbahnen um den blauen Planeten. Der Weltraum ist strategischer Aktivposten. Der blaue Planet wird weiter geplündert. Wir wollen die Welt nicht mehr ändern. Wir lassen den Mond dort stehen und tun so, als hätte es den Schreck über unsere Verletzlichkeit, den Schreck von 1969, nicht gegeben.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  19 | 7 | 2009
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