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Mondlandung: Es geschah am 11. September 159*

Zu den hochfliegenden Plänen des 17. Jahrhunderts gehörte, neben den weißen Schwänen Godwins oder den schlittenähnlichen Gestellen des Cyrano, die eine oder andere erneut angelehnte Jakobsleiter - wobei die poetische Phantasie von technisch immer wunderlicheren Geräten begleitet wurde. Seit der Aufklärung ging es nicht mehr ab ohne künstliche Geräte, die obendrein immer dickschiffiger wurden, selbst wenn jemand wie der Baron von Münchhausen (1720 - 1797) den Glauben an eine erregte Bohnenranke nie aufgab.

Keiner unter diesen Mondfahrern, dem nicht Godwins Pioniertat ein Begriff gewesen wäre - anders als heute. Das mag auch damit zusammenhängen, dass seit über zwanzig Jahren keine Übersetzung mehr im deutschen Buchhandel erhältlich ist, die von Godwins fliegendem Wandersmann und seinen fünfundzwanzig Schwänen (andere, ältere Übersetzungen sprechen von Gänsen) erzählt.

Zweifellos war Godwins Luftschifferglück noch nicht aus dem Seemannsgarn der Moderne gesponnen, dem Technikfetischismus. Albtraumartig die Nöte, die Edgar Allan Poe (1809 - 1849) in seiner Mondfahrt beschrieb, und der Albtraum war psychischer wie physischer Natur. Vollends vertraut machte die Zukunftsschau eines Jules Verne (1828 - 1905) mit der Verbindung Erde - Mond, sie geschah auf dem Wege eines Direktflugs in 97 Stunden und zwanzig Minuten. Mochte mancher Treibsatz auch folgender Gedankenflüge friedlich-utopischer Natur bleiben - mit Beginn des 20. Jahrhunderts bekam der Mond nicht nur metaphysisch, sondern ästhetisch Probleme.

Die Zeit des schönen Mondes, der für die Menschheit seit Jahrhunderten ein milder Beistand gewesen war, war endgültig abgelaufen. Bei Oskar Panizza (1853 - 1921), dem Bayern mit dem bösen Blick, wurde der Mond auf offenem Feld von einem gelb gekleideten Mann an einem Strick hinter sich hergezogen, um in der Erde verscharrt zu werden wie ein räudiger Körper. Unvergessen auch das böse Lied aus Kindertagen: Überm Abbruchhaus/ in einem spindeldürren Kran/ Klettert der Mond / gelb wie Harn.

Das Bild vom Himmelskörper hat sich verändert, es ist eines, das zwischen schaler Illusion und derber Desillusion oszilliert. Der Mond, um einen Gedanken Arthur Schopenhauers aus dem 19. Jahrhundert aufzugreifen, leuchtet zwar weiterhin - aber poetisch wärmte er schon lange nicht mehr. Tatsächlich erlebte die Menschheit die Auswanderung der natürlichen Gedankenflüge in die synthetisch hergestellten Phantasien. Es war Günther Anders, der bereits Mitte der 1950er Jahre angesichts des Machbaren und Menschenmöglichem im Weltraum die Ausbildung einer "moralischen Phantasie" anmahnte.

Was mit Lukian satirisch einsetzte, was dann mit Godwin den heiteren Höhepunkt einer geerdeten Utopie erreichte, sollte am 20. Juli 1969, dem Tag der Entzauberung des erdnächsten Trabanten durch die NASA, weltgeschichtlich beendet werden.

Verloren hatte der Gedanke an ein Mondparadies schon lange auf Erden, vor allem in der skeptischen Utopie. Angefangen von Swift, spitzte sich die Heimsuchung des Mondes durch die Phantasie wie ein Verhängnis zu. Doch erst mit der Landnahme vom 20. Juli 1969 scheint der kosmische Wärmestrom dieses Himmelskörpers poetisch versiegt. Ach, der Mond ist untergegangen.

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Autor:  Christian Thomas
Datum:  16 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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