Die Ankunft war ein sanftes Anlanden, abgerungen einer Atempause. Fast ist man geneigt zu sagen: wie in einem Meer der Ruhe geschah die Erstbesteigung. Auf diese Weise geschah es, dass nach elf Tagen der Raumfahrt der erste Mensch auf dem erdnächsten Trabanten einsegelte, nicht lärmend, keinen Staub aufwirbelnd. Überliefert ist auch das Datum, der Schritt geschah am 11. September 159*, nachweislich einem Dienstag.
Seitdem Dichter sich zum Mond aufmachten, und die Gedankenflüge reichen zurück bis in die Antike, taten sie es mit unterschiedlich schwerem Gepäck. Es konnte wissenschaftlicher oder literarischer Art sein, sehr leichtsinnig geschnürt sein oder sehr schwerfällig ausfallen, astronomisch äußerst akribisch, ästhetisch durchaus heikel, in den Augen der Kirche durch und durch halsbrecherisch. Für Francis Godwins Roman "Der Mann im Mond" trifft sicherlich zu, dass er die Trägheitsgesetze der Erbauungsliteratur in einem Schelmenroman aufzuheben wusste.
Doch da der Mensch schon von alters her nicht einmal über das Wasser zu gehen versteht, wie bewegt er sich dann durch die Lüfte? Dass das Fliegen ein Privileg war, ein Privileg der Götter, erzählte bereits die durch Adlerschwingen möglich gemachte Himmelfahrt des babylonischen Etana-Mythos vor über 3500 Jahren. Lukian dann, der griechische Schriftsteller, der als Pionier der literarischen Mondfahrer gilt, machte im zweiten Jahrhundert nach Christus neben den Tücken einer Windhose erneut Adlerschwingen für einen erfolgreichen Mondtransfer verantwortlich. Jahrhunderte nach seiner "Wahren Geschichte" diente eine Leiter zur Eroberung des Trabanten, im Jahre 1516 wurde sie in Ariosts "Rasendem Roland" an den Himmelskörper angelehnt - also zu einer Zeit, in der das Universum sich immer stärker von einem religiösen Obdach zu einem kosmischen Unruheherd entwickelt hatte.
Bei dieser anthropozentrischen Beunruhigung machte auch der 1562 geborene Godwin mit, ein anglikanischer Bischof, dessen Büchlein "Der Mann im Mond" erst postum erscheinen konnte: 1638 in Frankreich, fünf Jahre nach dem Tod des utopischen Berichterstatters. Godwin war als Anhänger des Kopernikus ein Pionier dessen, was Hans Blumenberg als "kosmischen Realismus" bezeichnet hat. Als der Christ Godwin starb, tagte in Rom das Inquisitionsgericht, weil sich die Kirche von der Erkenntnis bedroht sah, dass die Erde noch nie der Mittelpunkt des Universums gewesen war. Der Trabant, der 1610 im Okular des Fernrohrs von Galileo Galilei erschienen war, und dem dann die Mondkarten des 17. Jahrhunderts rasch ein Konterfei gaben (mit der Entdeckung jedes weiteren Kraters ein immer pockennarbigeres), geriet zum Nahziel der Weltraumsegler.
Der "Mann im Mond" ging auch an Deutschland nicht vorbei, allerdings landete er hier erst auf Umwegen, über Frankreich und die Niederlande. Als 1659 eine deutsche Übertragung vom "Fliegenden Wandersmann nach dem Mond" auf der Grundlage einer französischen Kompilation herauskam, wurde sie keinem anderem als dem Autor des "Simplicissimus", Grimmelshausen, zugeschrieben (und seiner ersten Gesamtausgabe postum tatsächlich hineingeschrieben).
Godwins Schelmenroman war naturwissenschaftliche Pioniertat und literarische Heldentat. Bei Godwin diente als Luftschiff ein Schwänevehikel - und doch stand der Start unter keinem guten Stern, allein schon wegen der "anziehenden Strahlen dieses tyrannischen Magnetsteines, der Erde".
Dann aber, nach der Emanzipation von ihr, und nachdem es allein eine Stunde nur kerzengerade in die Höhe gegangen war, wurde aus der Expedition ein angenehmes Raumgleiten, bis hin zum glücklichen Ende. Als es schließlich dazu kommt, ist der Mond zwei Tage alt und steht zwanzig Grad vom Sternbild der Waage, wie Francis Godwin vom Tag der erstem Mondlandung der Menschheit zu berichten weiß.
Mit dem Datum des 11. September 159* gerät der Mondfahrer unter Bewohner, die zwei Mal so groß sind wie er - aber tausendmal friedlicher leben als die Menschheit, wie Godwins Held, der in Sevilla geborene Domingo Gonsales im März 1601 festhält. Da rüstet er mit seinen Vögeln zum Rückflug, versehen mit den besten Wünschen seiner souveränen Gastgeber (Christen!), versehen auch mit einem Gruß an die Herrscherin von England, Elisabeth I.. Neun Tage dauert die Rückkehr zur Erde, und dass Godwin, der englische Geistliche, auch hier ein phantastischer Erzähler ist, mit Sicherheit, Elisabeth hin oder her, ein Verehrer des spanischen Pikaro-Romans, zeigt die Tatsache, dass er nicht nur den Weltraum ausmisst, sondern auch den Heimatplaneten seiner Phantasie. Denn als die Erde Domingo Gonsales wieder hat, ist er in Peking gelandet. Um die Sache abzukürzen: Auch der Abenteurer kennt Heimweh. Und Heimweh ist das, was jeden Abenteurer heim führt.
Seit Godwins Reise hat sich die Frequenz der Mondfahrten und -landungen weltweit stetig erhöht. Schon der berüchtigte Cyrano de Bergerac (1619 - 1655), der den Mann im Mond genauso wie Jonathan Swift und Daniel Defoe bewunderte, stellte seinen gutgläubigen Lesern einen Weltraumflug in Aussicht, wenn sie sich nur Flaschen mit Morgentau unterschnallten. Denn den Auftrieb werde der Sonnenaufgang bewerkstelligen, wie überhaupt die Gesetze der Physik der Mission aufhelfen, den Tau verdunsten lassen und dem Tauträger den nötigen Auftrieb schenken würden. Abnutzungserscheinungen? Kein Abrieb, kein Energieverlust, keine Materialermüdung.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.