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Ulf Merbold im Interview: "Der Mars ist unsere Herausforderung"

Der deutsche Astronaut, der in den Raumlabors der Russen und Amerikaner arbeitete, über das Erbe der Apollo-Missionen, Stromausfall im Weltall und wie man ihn in aller Ruhe behebt.

Ulf Merbold, 68, deutscher Physiker, war drei Mal im All - an Bord der MIR und des Spacelab. Heute berät er die ESA.
Ulf Merbold, 68, deutscher Physiker, war drei Mal im All - an Bord der MIR und des Spacelab. Heute berät er die ESA.
Foto: ddp

Herr Merbold, Neil Armstrong beschrieb seinen Start als ruckelige Zugfahrt auf krummen Schienen. Wie haben Sie Ihren Start 1983 körperlich erlebt?

Das rüttelt und schüttelt kräftig, man liegt auf dem Rücken, fest angeschnallt, wie gefesselt auf einer riesigen Menge brennbaren Material. Direkt über einem sind Schränkchen, in denen Lebensmittel verstaut sind. Ich habe alles wackeln sehen und nur gehofft, dass die Monteure die Schrauben gut angezogen hatten. Aber Zahlen sagen da vielleicht mehr als blumenreiche Reden: Das Shuttle hat 2000 Tonnen Startgewicht und braucht trotzdem nur 50 Sekunden, bis es Schallgeschwindigkeit erreicht. Nach 8,5 Minuten hat man eine Höhe von 250 Kilometern erreicht, bei einer Geschwindigkeit von knapp 28 000 Kilometern pro Stunde. Absolut irrwitzig.

Merbold im Spacelab 1 in der Erdumlaufbahn (Foto vom 01.12.83).
Merbold im Spacelab 1 in der Erdumlaufbahn (Foto vom 01.12.83).
Foto: ddp

Bei Apollo 11 hätte viel schief gehen können - Neil Armstrong musste per Handsteuerung landen, weil der Autopilot die Fähre in ein Geröllfeld gelotst hätte. Haben Sie auch so dramatische Pannen bei Ihren drei Missionen?

Zunächst einmal möchte ich Armstrong noch einmal loben. Der hat damals etwas Grandioses vollbracht, wie er die Landefähre sicher im Meer der Ruhe aufgesetzt hat. Das alles mit wenigen Sekunden Treibstoffreserve! Ich selbst erlebte auf der Mir einmal einen Stromausfall.

Die Männer auf dem Mond

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Wie konnte das passieren?

Die Mir bekommt ihren Strom von Solarzellen. Also wird Strom produziert, wenn sie auf der Sonnenseite der Umlaufbahn ist. Wenn sie im Schatten ist, wird alles von Batterien betrieben: die Radios, das Lebenserhaltungssystem, die Beleuchtung - einfach alles. Wir hatten über unsere Verhältnisse gelebt und so waren die Batterien nicht genügend gefüllt.

Was passierte dann?

Mit einem Mal wurde es dunkel und ruhig. Alles stand still, kein Ventilator lief mehr, gar nichts.

Stromlos im Weltraum - jeder normale Erdenbürger würde da durchdrehen.

Ich habe nicht daran gezweifelt, dass wir heil nach Hause kommen würden. Für jeden stand ein Sitz in der Sojus-Kapsel zur Verfügung, unserem Rettungsboot. Aber ich habe mir große Sorgen gemacht, ob wir unser wissenschaftliches Programm zu Ende bekämen, oder ob wir vorzeitlich und unrühmlich zur Erde zurückkehren müssen.

Behilft man sich in so einer Lage mit sarkastischen Scherzen?

Na klar. Zu dieser Energiekrise hatte ja auch beigetragen, dass wir eine Videopressekonferenz abhielten, bei der auch Bundeskanzler Helmut Kohl zugeschaltet war. Dazu schalteten wir an Bord alle Lampen an, um gute Videobilder liefern zu können. Das hat viel Strom gefressen. Da haben wir dem wissenschaftlichen Programm nicht den nötigen Vorrang gegeben.

Sie sind als erster Europäer mit den Russen als auch mit den Amerikanern geflogen. Ein populäres Vorurteil ist, dass die Russen besser improvisieren.

Ich möchte da keine Zensuren verteilen. Die Russen sind auf jeden Fall unglaublich gut. In späteren Zeiten der Mir hat es sogar auf der Station gebrannt und auch ein Leck gegeben, so dass man ein Modul nicht mehr benutzen konnte. Die Besatzung hätte da die Station den Richtlinien nach verlassen müssen. Doch unter dem bewundernswerten Kommandanten Ziblijew haben sie es geschafft, die Probleme im All zu lösen. Die Russen haben ihre Jungs mit einer bewundernswerten Robustheit versorgt, vom Essen bis zur Unterwäsche.

Wo haben Sie Armstrongs Mondlandung eigentlich erlebt?

Ich stamme aus Ostdeutschland, floh aber, um studieren zu können, ohne in die FDJ eintreten zu müssen. Ich wohnte schon im Westen, aber am Tag der Mondlandung besuchte ich meine Mutter in Thüringen. Unser Dorf lag nahe an der Grenze und so haben wir die Landung im Westfernsehen verfolgt, wie fast DDR-Bürger. In den DDR-Medien wurde natürlich nicht ausführlich darüber berichtet. Die Raumfahrt war immer auch eine Demonstration der Überlegenheit des eigenen Systems. Bei den Russen wie bei den Amerikanern.

Nicht jeder begabte Physikstudent jener Zeit ist in die Raumfahrt gegangen. Wann kam bei Ihnen der Kick?

Ich hatte nach dem Studium eine Stelle beim Max-Planck-Institut für Metallforschung. Mit Mitte 30 dachte ich: Jetzt ist ein guter Moment, etwas Neues anzufangen. Ich glaube schon, dass ich neugieriger bin als mancher andere. Doch es war schon Zufall, dass die europäische Raumfahrt-Behörde genau in dieser Zeit meines Lebens erfahrene Experimentatoren suchte.

Herr Merbold, das klingt alles so rational - haben Sie denn kein bisschen Abenteuerlust verspürt damals?

Abenteuerlust ist sicher auch bei mir dabei gewesen. Ich sah die Möglichkeit, in die Erdumlaufbahn geschossen zu werden. Und dort in 90 Minuten die Erde zu umrunden - in dieser kurzen Zeit den Tag mit einer gleißenden Sonne zu erleben, den Sonnenuntergang und die Nacht mit einem grandiosen Sternenhimmel, wie ich ihn auf der Erde niemals sehen würde. Das war sicher auch ein Antrieb für mich.

Warum tut sich der Mensch das generell an, in so unwirtliche Sphären vorzudringen?

Ich denke, dass diese Neugierde und diese Rastlosigkeit offensichtlich ein Teil unserer Natur sind. Sie sind am Ende die wesentlichen Triebkräfte, die uns hinausziehen, um unser Weltbild im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu überprüfen. Wir sind nicht bei demstehengeblieben, was im Mittelalter als richtig galt, sondern die großen Entdecker haben durch ihr Tun bewiesen, dass wir auf einer Kugel leben und nicht auf einer Scheibe. Und die Raumfahrt sehe ich als ein Element in dieser langen Tradition sehen. Um Aristoteles zu zitieren: "Alle Menschen streben von Natur nach Wissen."

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Datum:  17 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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