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Kolumne: Moralgeschwätz

Was lernen wir aus der Tatsache, dass prominente Politiker und Künstler in ihrer Jugend in der NSDAP waren? Nichts.

Götz Aly
Götz Aly

Tot oder lebendig treibt die Illustrierte Stern einige ältere Herren durchs deutsche Dorf. Die Anklage lautet: Im späten Jugendalter der NSDAP beigetreten! Erich Loest gehört dazu, Günter Guillaume, Hans-Dietrich Genscher, Hermann Lübbe und Peter Boenisch, zudem eine Reihe prominenter Linksliberaler: Siegfried Lenz, Martin Walser, Martin Broszat, Horst Ehmke, Erhard Eppler, Claus Jakobi, Dieter Wellershoff, Niklas Luhmann, Iring Fetscher und Hilmar Hoffmann.

Was folgt daraus? Allenfalls das: Die 1945 etwa 20-Jährigen waren in einer geschlossenen Gesellschaft aufgewachsen. Nachts hockten sie mit den Müttern im Bombenkeller, am Morgen halfen sie als Hitler-Jungen beim Bergen der Verschütteten und Toten. Ihre Väter, älteren Brüder und Onkel standen im Krieg, nicht wenige waren gefallen, vermisst oder verwundet.

Wie verhält sich ein 15- oder 18-Jähriger unter solchem Druck? Zumeist konformistisch, lautet die banale Antwort. Hilmar Hoffmann ging die Stimme Goebbels’ „wie Seife rein“; für Erich Loest und seine HJ-Kameraden stand fest, „dass wir in die Partei eintreten, wenn wir dazu aufgefordert“ würden, „wir wären nie auf den Gedanken gekommen, uns aufzulehnen“. Die Einsicht in das verbrecherische Verhängnis ihrer Jugend wurde diesen Heranwachsenden erst im Frieden möglich. Mit traumatischen Erfahrungen bepackt, entwickelten sie sich zu Menschen, denen wir Heutigen einiges verdanken.

Infolge eines Antrags der Partei Die Linke „durchkämmen“ (Stern) derzeit Hilfskräfte des Bundesarchivs die NSDAP-Kartei, um die Frage („Dunkelziffer“) zu klären, welche Bundestagsabgeordneten zwischen 1949 und 2000 der NSDAP angehört hatten. Das Ergebnis wird numerisch beachtlich sein, der Erkenntniswert null, das automatisierte Moralgeschwätz öde. Solche Projekte gehören zu den vielfältigen AB-Maßnahmen für jene Historiker, die unfähig sind, übergreifenden Fragen nachzugehen.

Wer sich nicht für eifernde Langweiler, sondern für deutsche Geschichte interessiert, greife zum aktuellen Heft des Merkur. Darin schreibt der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink über „Die Kultur des Denunziatorischen“. Er beklagt den „Entlarvungs- und Demontierungsimpuls“ der scholastisch erstarrten Zeitgeschichtsforschung.

Er erinnert daran, dass man „von der Höhe heutiger Moral“ Gestriges nicht beurteilen kann, und bezieht das auch auf diejenigen, die in der DDR Karriere machten oder begannen, ob sie nun Gregor Gysi oder Stanislaw Tillich heißen, ob sie als Juristen, Journalisten, Lehrer oder Betriebsleiter arbeiteten: „Es geht um Biographien, die eine differenzierte und nuancierte Betrachtung und eine moralische Bewertung im Horizont ihrer Zeit verdienen. Stattdessen wird der Blick darauf verengt, ob einer als Soldat an der Grenze eingesetzt war oder als inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit geführt wurde oder als Wissenschaftler ein ,ideologisch kontaminiertes‘ Fach vertreten hat.“ Wer auf solche Weise andere moralisch diskreditiert, klärt nicht auf, sondern suhlt sich im Ressentiment und flüstert selbstgefällig: „Du und ich, wir sind die besseren Menschen.“

Unter http://www.klett-cotta.de/fm/14/mr_2011_ 06_0473-0486.pdf findet sich der Merkur-Aufsatz Bernhard Schlinks im Internet.

Götz Aly ist Historiker.

Autor:  Götz Aly
Datum:  14 | 6 | 2011
Kommentare:  30
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