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26. November 2012

Formel 1: Erst Regen, dann Wortschwall

 Von Elmar Brümmer
Mehrfach-Weltmeister unter sich: Sebastian Vettel (links) im Smalltalk mit Michael Schumacher. Foto: dpa

Lügen, Betrug und Zweifel: Nach seinem Titelgewinn redet sich Sebastian Vettel in Rage und eröffnet so schon mal die neue Saison.

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São Paulo –  

Für die Frage der Ära war Sebastian Vettel nach 110 Minuten eines als Formel-1-Rennen getarnten Dramas noch zu atemlos. Aber die Angriffslust, die sich 71 Runden lang aufgebaut hatte, musste raus. Am besten ungebremst.

Nach dem WM-Sieg mit drei Punkten Vorsprung herrschte die pure Lust am Reden. Sieben eng beschriebene DIN-A4-Seiten umfasste die Abschrift seiner Siegeransprache, mehr als die gesammelten Wortspenden der drei Erstplatzierten von Sao Paulo, Jenson Button, Fernando Alonso und Felipe Massa, zusammen. Das Podium im Autodromo Carlos Pace gehörte ihm ganz allein. Nach all der Atemlosigkeit auf der brasilianischen Wasserrutsche viel Platz für eine Abrechnung.

Sie begann harmlos mit der Frage, ob es der härteste und daher befriedigendste seiner nunmehr drei WM-Titel war: Ja. Der Titelgewinn 2010 gegen Alonso war einfach nur überraschend, die Verteidigung 2011 gelang früh mit einem überlegenen Auto, aber das Comeback und der Hattrick in diesem Jahr waren ein technischer, fahrerischer und mentaler Gewaltakt, mündend in diesen rettenden sechsten Rang von Interlagos. Was Vettel sagte, barg Zündstoff über die erste Emotionalität hinaus, und der Zündstoff wird in die neue Saison getragen werden, wenn der geschlagene Gegner Fernando Alonso endlich eine gelungene Revanche will.

„Zur Ehrlichkeit erzogen“

Vettel nahm die Namen Ferrari oder Alonso nicht in den Mund, aber es war klar, wer gemeint war – seit dem „taktischen Getriebewechsel“ bei Felipe Massa in Austin im vorletzten Rennen, durch den Alonso einen Startplatz gewann, vor allem aber wegen der ewigen Sticheleien der Scuderia über die Saison hinweg, dass Red Bull gegen den Wettbewerbsgeist und das technische Reglement verstoße. Blatt vier im Buch Vettel, Psalm drei: „Wir sind immer wir selbst geblieben und sind unseren Weg gegangen, und das war der Schlüssel. Für uns, für mich ist es wichtig, in den Spiegel gucken zu können, denn dort zeigt sich, ob man sich selbst betrügt.“

Aus dem Allgemeinplatz kristallisierte sich der Vorwurf an die Rivalen: „Sie haben alles versucht, um uns zu schlagen – innerhalb und außerhalb der Regeln. All die Fragen und Zweifel haben uns das Leben schwer gemacht.Ich bin nicht heilig, ich mache auch Fehler wie jeder andere, aber ich bin zur Ehrlichkeit erzogen worden und dazu, etwas zuzugeben, wenn ich etwas falsch gemacht habe.“ In die Mikrofone vor der offiziellen Pressekonferenz hat er es noch deutlicher gesagt: „Lügen haben kurze Beine. Wir haben uns nicht einschüchtern lassen.“

Auf die Nachfrage nach den schmutzigen Tricks wollte er aus dem schwelenden Konflikt aber kein Feuer werden lassen, nicht seinen ganz großen Moment ruinieren. Er blieb philosophisch: „Ich denke, es ist klar, was ich meine, aber es liegt nicht in unseren Händen, das zu verurteilen. Wir müssen auf uns konzentriert bleiben, sonst lenkt einen das nur ab und es wird nichts mit dem Optimum.“ Aber gesagt sein sollte es natürlich. Vettel hat sich mit seiner Systemkritik bewusst-unterschwellig, aber endgültig als die neue Respektsperson des Fahrerlagers positioniert. Er muss nur aufpassen, dass Red Bull, das zuweilen ebenfalls am Limit operiert, die von ihm nun gezogene Ideallinie nicht selbst überfährt.

Nur die Rolle des Zuschauers

Alonso blieb am Ende nur die Rolle des Zuschauers. Er stand im Nieselregen und sah zu, wie Vettel sich breitbeinig auf seinen RB 8 setzte und übermütig Rodeoreiten imitierte. Von Alonso gab es das Manifest ebenfalls schriftlich: „Ich würde mir für diese Saison zehn von zehn Punkten geben. Wenn ich alle 20 Rennen noch mal fahren könnte, würde ich nichts, was ich oder das Team getan haben, anders tun. Ich bin stolz auf den Job, den wir gemacht haben. Wir mögen nicht die meisten Punkte geholt haben, aber wir haben anderes gewonnen – den Respekt der Fans und der Gegner.“ Er wünsche sich ein schnelleres Auto für 2013 und den gleichen Professionalismus. Dass die öffentliche Gratulation an Vettel fehlte, passte irgendwie dazu: Besser kann ein Duell für die neues Saison wohl kaum beginnen.

Zu den vielen Widrigkeiten, die Vettel in São Paulo auf dem Weg als „Geisterfahrer“ von ganz hinten zu den rettenden Punkten in die Quere kamen, gehörte auch der Verlust des Funkkontakts zur Red-Bull-Box. Weshalb er seinem Teamchef Christian Horner auch nicht mit seinem Geschichtswissen zur Hilfe kommen konnte, als dieser ihm die Mehrfach-Weltmeister der Formel 1 während der Ehrenrunde in den Helm brüllte. Erst in der Boxengasse konnte er den Manager aufklären: „Du hast Alain Prost vergessen, der hatte vier Titel!“ Womit die Zielsetzung für die neue Saison auch schon klar wäre.

Der Reisestress geht in den nächsten Wochen weiter: am Dienstag Besuch in der Rennfabrik in Milton Keynes, am Samstag ein Showrun in Graz, einen Tag später in London Ehrung bei den Autosport Awards, am Montag in Salzburg Gast von „Talk im Hangar 7“. Am Wochenende darauf die WM-Pokalübergabe in Istanbul, dann noch das Race of Champions mit Michael Schumachers in Bangkok. Und irgendwann will er auch noch in seiner Heimatstadt Heppenheim vorbeischauen.

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