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Musik

29. Januar 2016

"Anti" von Rihanna : Doppelbelichtetes Porträt

 Von Christian Bos
Rihanna sagt schon mal: „Ich tue die Dinge so, wie ich es für richtig halte.“  Foto: AFP

Nachdem ihr Album "Anti" aus Versehen vorzeitig erscheint, gibt Rihanna es zum kostenlosen Download frei. Es ist ein ungewöhnliches Werk, elektronisch, introvertiert, minimal.

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Meine Stimme ist meine Rüstung und meine Waffe, mein Schild und alles, was ich bin.“ Das hat die junge schwarze Lyrikerin Chlöe Mitchell dem barbadischen Superstar Robyn Rihanna Fenty auf den Körper geschrieben. Das bemerkenswerte Cover von „Anti“, dem achten Rihanna-Album, zeigt die Sängerin als kleines Mädchen in einer an frühe Gerhard-Richter-Porträts erinnernden Doppelbelichtung, einen schwarzen Ballon haltend, eine goldene Krone bedeckt ihre Augen. Blutrote Farbe verhüllt den linken oberen Bildteil, Mitchells Gedicht ist in Braille-Schrift über die gesamte Fläche gestanzt.

Eine halbe Ewigkeit hat die Popwelt auf „Anti“ gewartet. „Unapologetic“, ihr bislang letzter Langspieler, war im November 2012 erschienen. Das längst überfällige Album ist nun höchst unsicheren Fußes in die Öffentlichkeit gestolpert. Vergangenes Jahr mussten drei Singles ausreichen, um Rihannas Namen im Gespräch zu halten – alle drei fehlen auf „Anti“.

Die 13 Songs, die es tatsächlich aufs Album geschafft haben, wurden am Mittwoch irrtümlich auf Tidal veröffentlicht, Jay-Zs strauchelndem Streaming-Service, an dem Rihanna Anteile hält. Da war die Katze aus dem Sack und Team Rihanna reagierte, indem es „Anti“ kurzerhand zum kostenlosen Download freigab, als wäre es nur ein Mixtape, ein kleines Lebenszeichen zwischen wichtigeren Dingen.

Das klingt zunächst widersinnig. Doch seit immer weniger Menschen Musik besitzen und immer mehr Musik im Abonnement streamen, ist immer mal wieder der Tod des Albumformats herbeigeschrieben worden. Stattdessen erfüllt es eine völlig neue Aufgabe. Gibt Auskunft über den Ist-Zustand des Künstlers, funktioniert als Statement und Visitenkarte, setzt das Thema für die anstehende Tour. Die Termine für die „Anti“-Konzerte standen bereits vor Monaten fest, lange bevor auch nur ein Ton des Albums zu potenziellen Ticketkäufern vorgedrungen war. Ab dem 9. Juli will Rihanna auch in Deutschland die Stadien und Arenen füllen, am 17. Juli das Waldstadion in Frankfurt.

Seit sie vor elf Jahren von den Kleine Antillen ins große Amerika übersiedelte, hat sie rund 200 Millionen Tonträger verkauft, führte in kurzer Folge elfmal die Billboard-Single-Charts an, überzeugte mit unterkühlten R’n’B-Nummern ebenso wie mit aufgekratzten EDM-Tracks, mit armschwenkenden Popsongs wie mit fordernden Balladen.

Auf dem Cover des neuen Albums: eine an frühe Gerhard-Richter-Porträts erinnernden Doppelbelichtung.

Kurz: Rihanna hatte alle kommerziell relevanten Genres abgedeckt, was ihre Alben leider in Gemischtwarenläden verwandelte. Umso mehr überrascht „Anti“. Schon „Work“, die erste gemeinsame Single mit dem kanadischen HipHop-Star Drake, tröpfelte eher sparsam und unterkühlt vor sich hin, der Refrain besteht aus der Wiederholung des Wörtchens „work“. Von den restlichen Songs sticht vielleicht noch „Kiss It Better“ mit seiner arenafüllenden Prince-Gitarre im Intro als möglicher Hit heraus, aber auch der verharrt im mittleren Tempo und ist von düsteren Keyboardflächen durchzogen.

Nein, schlecht ist das nicht. Nur ungewöhnlich, weil die Blaupause nicht länger Michael Jacksons „Thriller“ ist – eine hochexplosive Mischung möglicher Hits – sondern eher Drakes „Take Care“ oder Beyoncés selbstbetiteltes fünftes Album. Also in sich geschlossene Erkundungen des Künstlergemüts, elektronisch, introvertiert, minimal. Ein Porträt in Doppelbelichtung: Nie zuvor ist Rihannas Stimme durch derart viele Filter gepresst, verdünnt, verfremdet worden. Gleichzeitig wagt sich ihre unbehandelte Stimme in neue Höhen und Tiefen vor, bis in „Higher“ nur noch ein heiseres Krächzen davon übrig ist.

Rüstung, Waffe und Schild sind am Bruchpunkt angelangt. Viel näher kann man dem schwer fassbaren Popstar wahrscheinlich nicht kommen. „Ich tue die Dinge so, wie ich es für richtig halte“, verkündet Rihanna gleich im ersten Song „Consideration“, und unterbreitet dem Hörer im Gegenzug ein nicht unattraktives Angebot: „let me cover your shit in glitter“.

Es folgt ein verkifftes Zwischenspiel, das man eher auf einem Album des Fusion-Jazz-Bassisten Thundercat vermuten würde. Jetzt bleibt dem Hörer einzig noch, sich den Launen der R’n’B-Königin zu unterwerfen. Etwa der Entscheidung, den gerade mal ein halbes Jahr alten Song „New Person, Same Old Mistakes“ der australischen Ex-Psychedeliker und Neu-Mädchenpopper von Tame Impala zu covern (hier als „Same Ol’ Mistakes“). Oder mit „Love On The Brain“ auf eine halbe Stunde der elektronischen Einsamkeit eine lupenreine Rhythm’n’Blues-Ballade im Stil der späten 1950er folgen zu lassen.

Die beiden ohrschmeichelnden, mainstreamfreundlichen Balladen – „Never Ending“ könnte von einem alten Dido-, „Close To You“ vom aktuellen Adele-Album stammen – hat Rihanna zwar im hinteren Teil des Albums versteckt, aber immerhin, freut sich die Plattenfirma, es gibt sie.

Nein, der ganz großer Wurf ist „Anti“ leider auch nicht geworden. Aber es ist das Album, das Rihanna sich verdient hat. Sie ist jetzt 27, das Alter, in dem so viele Popstars an ihrem Ruhm zerbrochen sind, hat seit ihrem 17. Lebensjahr Hit auf Hit geliefert, Show auf Show gespielt und sich selbst zur Stilikone aufgeschwungen. Da war es allerhöchste Zeit für die Selbstfindungsphase dieser Karriere.

Rihanna: Anti. Universal Music.

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