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Musik

06. Januar 2016

"Blackstar": Das letzte Album der Sphinx David Bowie

 Von Christian Bos
Wo war er all die Zeit? David Bowie startet jedenfalls neu mit dem Album mit dem schwarzen Stern.  Foto: dpa

Mit dem schillernden Album "Blackstar", einem Schmelztiegel aller avantgardistischen Elemente seines fast 50 Jahre umspannenden Werkes, meldete sich David Bowie nach längere Pause zurück. Es wurde zu seinem Vermächtnis.

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Wie man völlig verschwinden kann. Das zu verraten versprach die britische Band Radiohead Anfang des Jahrtausends in einem Songtitel. Das Stück hält sich mit konkreten Anweisungen bedeckt. Aber David Bowie, der alte Hexer, scheint ein Rezept gefunden zu haben. „Ich bin ein schwarzer Stern“, intoniert er im Titelstück seines neuen Albums, das anstelle eines Namens nur ein Stern-Piktogramm trägt. Was er nicht ist, oder nicht länger sein möchte, singt er auch: kein Popstar, kein Filmstar, kein flüchtiges Wunder.

Bowie hatte die schrecklichen nuller Jahre zum ganz großen Verschwindezauber genutzt. Sich von der Bühne, aus dem Studio und schließlich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Dafür gab es alltagsweltliche Gründe: Die Geburt seiner Tochter, ein Herzinfarkt während eines Auftritts auf dem niedersächsischen Hurricane-Festival. Aber natürlich zählt bei dem Mann, der zur Erde gefallen ist, zuvörderst die künstlerisch-metaphysische Dimension: Während sich wildfremde Menschen Freundschaftsanfragen zuschickten und einst unnahbare Stars das Gezwitscher ihrer Fans retweeteten, entfloh Bowie den immer engmaschigeren sozialen Netzen.

Zwar stand sein Ruf als Groß-Wesir der 70er Jahre schon damals unerschütterlich fest, aber sein Herrschaftsgebiet beschränkte sich eben auf dieses eine Jahrzehnt. Die späteren Alben waren verquast bis okay, aber eben nie mehr. Doch als der lange Vermisste an seinem 66. Geburtstag am 8. Januar 2013 ohne vorherige Ankündigung den wehmütigen Track „Where Are We Now?“ veröffentlichte – eine Rückschau auf seine kurze, sagenumwobenen Zeit in West-Berlin – wirkte das wie die Wiederkunft des Pop-Heilands. In seiner Abwesenheit war Bowie zur mythischen Stimme aufgestiegen. Dass sein folgendes Album aus teilweise exzellenten, jedoch kaum überraschenden Rocksongs bestand, wurde dann schlicht durchgewunken. Allein: Noch mal käme er mit diesem Bühnentrick nicht durch. Weshalb sich der große Illusionist auf „Blackstar“ in eine erloschene Sonne verwandelt hat.

Eher schon das Schwarze Loch

Nicht länger der Stern, der uns mit greller Gegenwart blendet. Eher schon das Schwarze Loch, das uns unwiderstehlich über seinen Ereignishorizont zieht. Falls man, um den letzten wirklich erschütternden Bowie-Song zu zitieren, die seltsamsten Dinge glaubt und das Fremdartige liebt.

Als sich David Bowie und sein treuester Mitstreiter Tony Visconti – er hat für das Album erneut die Produktion übernommen – in den späten 60er Jahren kennenlernten, schwärmten sie von den Klanggemälden des Jazz-Arrangeurs und Big-Band-Leaders Gil Evans. Mit dessen Schülerin Maria Schneider (und deren Big Band) nahm Bowie im Herbst 2014 zwei treibende, aber entschieden unrockige Stücke namens „Sue (Or in A Season Of Crime)“ und „‘Tis a Pity She Was a Whore“ auf (letzterer Titel zitiert John Fords berüchtigte Inzest-Tragödie aus dem Jahr 1633).

Maria Schneider wiederum wies Bowie auf einen ihrer ehemaligen Schüler hin, den Saxofonisten Donny McCaslin. Mit dessen Quartett Bowie nun den größten Teil von „Blackstar“ eingespielt hat. Das freilich kein Jazz-Album geworden ist, und auch nicht der große Freak-Out, den manche Ersthörer uns angedroht haben. Eher schon ein Schmelztiegel aller avantgardistischen Elemente eines fast 50 Jahre umspannenden Werkes: die instrumentale Seite von „Low“, der Krautrock-Orientalismus von „Lodger“, Mike Garsons Free-Jazz-Klaviersolo auf „Aladdin Sane“. Gepaart mit Breakbeats, die oft an Radioheads nervöses Spätwerk erinnern.

„Blackstar“, der Song, ist mit seinen kaum zu vereinbarenden Sektionen, seinen Tod, Teufel und kultische Messen beschwörenden Zeilen das perfekte Gegenstück zum 40 Jahre älteren, ebenfalls rund zehn Minuten füllenden Stück „Station to Station“. In „Girl Loves Me“ vermischt Bowie das Gaukler- und Schwulen-Argot Polari mit dem Nadsat-Slang aus Anthony Burgess’ „Uhrwerk Orange“ – Geheimsprachen, mit denen er schon in den 70ern Songs und Interviews gewürzt hatte.

Die neuen, muskulöseren Versionen von „’Tis a Pity“ und „Sue“ wiederum erinnern an die schnelleren Songs auf seinem dystopischen Fiebertraum „Outside“ (1995), nur dass hier nicht die elektronische Überproduktion lärmt, sondern ekstatische Saxofonduelle und federnde Tomtoms.

Am Ende von „Lazarus“ steigert sich McCaslin gar in Coltrane’sche Klangsplitter. Das Fundament dafür könnte allerdings solider nicht sein, es ist Bowies aufrüttelndste Breitwand-Ballade seit einer halben Ewigkeit. Schön oder schrecklich, das hängt ganz davon ab, ob der Sänger in der Person des Aliens Thomas Jerome Newton spricht – vor Bildschirmwänden gestrandet am Ende von Nicolas Roegs Science-Fiction-Film, hier in New York City wieder flügge geworden. Oder ob sich die alte Sphinx Bowie selbst als Lazarus beschreibt, als lebenden Toten, der alles gesehen, alles erlebt hat. Die Grenze zwischen Zombie und Wiederauferstandenem verläuft fließend.

„I Can’t Give Everything Away“ gesteht Bowie zum elegischen Schluss. Dann verstummt der Hexer. Nach sieben Songs und 42 Minuten hat er genug gegeben. Schillernder kann er nicht scheitern.

David Bowie: Blackstar. Sony.

Am 10. Januar 2016, wenige Tage nach Erscheinen unserer Rezension, starb David Bowie im Alter von 69 Jahren.

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