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"Drum Summit": Verschieben und Verweben

Kann man Jazz in sechs Wochen lernen? Alexis Petridis, der Pop-Kritiker des Guardian, hat es ausprobiert. Das Ergebnis hat er auf dem Perkussions-Festival in Bonn präsentiert. Von Michael Rüsenberg

Joey Baron hätte Alexis Petridis bestimmt gefallen.
Joey Baron hätte Alexis Petridis bestimmt gefallen.
Foto: Drum Summit

Ob Alexis Petridis im Forum der Bundeskunsthalle gelitten hätte? Alexis Petridis, der Pop-Kritiker des Guardian, der Jazz "37 Jahre lang gemieden" und sich jüngst einem aberwitzigen Kurs unterworfen hatte: "Kann man Jazz in nur sechs Wochen verstehen lernen?" Auf halber Strecke, nach einigen Rückschlägen, nahm Petridis eine verblüffende Veränderung wahr: "Ich interessiere mich auf einmal für Schlagzeug-Soli! Das ist ein Satz, von dem ich nicht dachte, dass ich ihn je über die Lippen brächte."

Ein Schlagzeug-Solo, das war für ihn bis dato immer "der Tiefpunkt" eines Konzertes. Nun erschienen ihm plötzlich selbst die besten Rock-Trommler als langweilig und einfallslos, gemessen an der Art, wie Jazz-Schlagzeuger "ständig Klänge und Texturen verschieben."

Der Auftakt des Drumsummit in Bonn hätte Petridis erneut zurückgeworfen. Da trat ein Quartett hochtourig auf der Stelle, geleitet von einem Schlagzeuger, der von dieser Aufgabe für eine Band offenkundig wenig versteht, dafür mehr von Selbstinszenierung. Terreon Gully, so hätten wir älteren Semester dem frustrierten Briten zugeraunt, sei zwar als Talent ausgewiesen durch Aufnahmen mit Stefon Harris und Jacky Terrasson, die monströse Mütze auf seinem Kopf habe er aber ebenso wie seine Neigung zum Über-Spielen abgeschaut bei einem schlechten Beispiel aus der Jazzgeschichte, bei Alphonse Mouzon.

Ndugu Leon Chancler hingegen hätte Petridis in seiner neuen Vorliebe bekräftigt. Chancler begrüßt und verabschiedet seine Zuhörer nicht nur formvollendet, es gelingt ihm auch in einer Stunde, ganz allein am Schlagzeug, die "Schönheit" dieses Instrumentes nachvollziehbar zu machen. 50 Minuten lang wechselt er Werkzeuge und Techniken, läßt erzählerisch immer wieder zwei thematische Motive aufscheinen.

Nur in den letzten zehn Minuten trägt es ihn er aus der Kurve, er verfängt sich mit Accelerandi und Ritardandi in einem Show Drumming, das er zuvor sorgsam vermieden hatte. Neben Chancler waren zwei weitere Schlagwerker aus Weather-Report-Zeiten nach Bonn eingeladen. Der prominenteste unter ihnen, Peter Erskine, zelebrierte mit holländischen Begleitern einen geradezu delikaten Mainstream Jazz, verlor sich aber mit Alex Acuña in verbalen Artigkeiten, denen kein nennenswerter künstlerischer Ertrag gegenüber stand. Es sei denn, man hielte das Gescheppere gegen zwei Playbacks von Weather-Report-Stücken für wertvoll, von Erskine nicht ohne Selbstironie als "Weather Report Karaoke" anmoderiert. Eine Schnapsidee, in einer ehedem keyboardlastigen Musik einfach nur Vorder- und Hintergrund auszutauschen - und dabei eben auch mancherlei Unpräzision in Kauf zu nehmen.

Bill Frisell (Gitarre) und Joey Baron (Schlagzeug) holten derlei Bombast worwörtlich vom Podest, sie spielten auf dem Parkett, direkt vor der ersten Zuhörerreihe. Sie fabulierten leise, subtil und mit einem solchen Spielwitz, dass selbst da, wo Standards wie "Cherokee" einen Rahmen vorzeichnen, immer wieder Aufschübe, Nebengedanken, kleine Fluchten das Erwartete unterliefen. Die Inklusion der Zuhörer war immens, weil sich von den Musikern den Eindruck übertrug: wir wissen nicht, was als nächstes kommt.

Eine gesteuerte Improvisation bot den krönenden Abschluss des Festivals, "Armadillo" von Robyn Schulkowsky, mit Joey Baron und Fredy Studer. Die in Berlin lebende Perkussionistin aus den USA lässt bis auf einen Gong und drei Hi-Hats kein Blech zu. Sie führt aus der Jazzwelt heraus, strebt ein Verweben, Verschieben und Überlappen melodisch-rhythmischer Texturen an, in entfernter Verwandtschaft zu Steve Reichs Drumming. "Armadillo" kulminierte nach einer knappen Stunde in prasselnden Sechzehnteln auf sechs Bongos.

Der gute Alexis Petridis wäre von allen zu Standing Ovations mitgerissen worden. Am meisten jedoch hätte ihn wohl verwundert, dass im vergleichsweise kleinen Bonn an drei Tagen jeweils bis zu 400 Zuhörer zu einem Trommlertreffen kamen, drum maniacs dabei deutlich in der Unterzahl.

So gemischt war die Gesellschaft, dass nicht einmal die Ältesten vergessen wurden: 19 Senioren aus einem Wohnstift konnten Kostproben aus einem Workshop mit Robyn Schulkowsky vorführen. Lauter ältere Damen und Herren, die tip-tap-tip-tap die Conga schlagen - ein solches Bild hat es bestimmt auch auf größeren Percussion-Festivals gegeben. Nicht einmal beim "Rhythm Sticks" bei Alexis Petridis in London.

Autor:  MICHAEL RÜSENBERG
Datum:  21 | 11 | 2008
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