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Musik

27. Juli 2010

Geschichte des Techno: Die Parade, die Stadt und der Tod

 Von Jens Balzer und Markus Schneider
Dreimal Loveparade (v.l.n.r.): Auf der Straße des 17. Juni in Berlin 1997, in Essen 2007 und auf dem eingezäunten Gelände in Duisburg 2010.  Foto: dpa

Wenn die Loveparade jemals so etwas wie einen politischen Kern gehabt haben sollte, dann war es dieser besondere Freiheitsgedanke.

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Bevor man sich mit den sicherheitspraktischen Details befasst, bevor man etwa die Frage aufwirft, ob das Duisburger Bahnhofsgelände für die zu erwartenden Menschenmassen zu klein geschnitten war, sollte man sich einen Moment lang noch einmal bei einer ganz elementaren Beobachtung aufhalten: dass es sich beim Veranstaltungsort der Loveparade 2010 überhaupt um einen umzäunten Veranstaltungsort handelte. Nichts, wirklich nichts könnte deutlicher dem Geist einer Veranstaltung widersprechen, die sich selber „Parade“ nennt.

Eine Parade paradiert eine Straße entlang und erschafft sich selbst ihren Raum. Bei einer Parade kann man am Straßenrand stehen, man kann ihr zuschauen, ein wenig mit ihr mitlaufen und dann wieder gehen, wenn man genug von ihr hat. Wenn die Loveparade jemals so etwas wie einen politischen Kern gehabt haben sollte, dann war es der besondere Freiheitsgedanke: Man wollte sich und seine Musik nicht mehr an festen Orten, im Stillstand eines auf eine Bühne blickenden Publikums feiern, sondern in einer steten, irgendwie anarchischen Bewegung durch die Stadt hindurch. Und die Musik, zu der man sich bewegte, sollte nicht mehr von einer Rock- oder sonstigen Gruppe auf einer Konzertbühne erzeugt werden.

Das Internierungslager

So wollten auch die Gründungsfiguren der Loveparade ihre Musik und die dazugehörige Kultur stets verstanden wissen: als Musik ohne Stars, in der sich die feiernde Menge selbst feiert – und selbst organisiert. Die Loveparade 2010 dagegen war von vornherein nicht nach dem Raum- und Bewegungs-Modell der Parade organisiert, sondern nach dem Modell des Internierungslagers. Es ging ausschließlich darum, die Bewegung der Massen zu hemmen und zu kanalisieren – und darum, sie von der restlichen Stadt fernzuhalten. Erst durch die radikale Abschottung der Stadt gegen die feiernden Menschen ist es zu der Katastrophe gekommen.

Durch die Anwesenheit zu vieler Menschen hat nun gerade jene Musik zur größten Massenkatastrophe der jüngeren Pop-Geschichte geführt, die einst durch die katastrophale Abwesenheit von Menschenmassen entstand – eine Musik, die sich in entleerten und verfallenden Städten entwickelte, in verlassenen Häusern, Fabriken, Theatern. Fast auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her, dass der Produzent Juan Atkins mit „No UFOs“ jene Single aufnahm, die rückblickend als erstes Techno-Stück angesehen werden kann. Er lebte in Detroit, einer jener „schrumpfenden Städte“ des US-amerikanischen Nordens, aus denen die wohlhabende Bevölkerung in die Speckgürtel geflohen war und in deren Zentren nun lediglich noch die Ärmeren, Unterprivilegierten hausten. Und die Künstler und DJs, die ihre Partys in leerstehenden, von keinem Besitzer mehr beanspruchten Fabriken und Warenhäusern feierten.

Die Ballermannisierung

Ohne diese aufgelassenen Räume, ohne die große Leere in den Zentren der de-industrialisierten Städte hätte es Techno niemals gegeben. Darum fiel die Musik nach dem Mauerfall in Berlin auf so fruchtbaren Boden: weil es in der Mitte der wiedervereinigten Stadt so viel Leere gab und – vergleichsweise – so wenig Menschen.

Rückblickend ist man vielleicht am meisten darüber erstaunt, wie lange die Loveparade diesen Geist der anarchistischen Offenheit, das verspielte Hakenschlagen gegenüber allen Vereinnahmungsversuchen noch zu transportieren verstand – sogar Ende der neunziger Jahre noch, als bereits anderthalb Millionen Menschen auf der Straße des 17. Juni tanzten und die fröhlich naiven Ansprachen feierten, die Dr. Motte von der Siegessäule herabsandte – sinnentleerte Gesten.

Zugleich aber findet man in der prinzipiellen Offenheit und Unbestimmtheit dieser Musik auch jene Dialektik angelegt, die auf Dauer und spätestens in den Nullerjahren dann zum Stumpfsinn der kommerziellen, alkoholschwangeren Ballermann-Raves führte: In einer so prinzipiell begriffslosen Popkultur wie dem Techno ist an Widerstand gegen „Vereinnahmung“ nicht einmal zu denken. Eine Zeit lang herrschte daher durchaus produktives Chaos, in dem man neue Discoräume gegen alle Verwertungslogik erschließen konnte und regierende Politiker für ein bisschen touristischen Glanz ihre deutsche Hauptstadt einer Horde drogenessender, halbnackter, kreischender Tänzer überließen.

Als dann aber selbst FDP-Wagen auf der Loveparade mitfuhren und die Manager der Event- und Konsumgüter-Industrie die temporär befreiten Zonen als neue Märkte entdeckten; als sich die hedonistische Körperkultur des frühen Techno in den Fitnesszwang der neuen Muskel-Raver verwandelte (nicht umsonst wurde die Veranstaltung 2006 von einem Fitness-Studio-Betreiber gekauft), da hatten die Protagonisten der Techno-Szene darauf keine andere Antwort als das neuerliche Ausweichen in den Underground – und schützten sich fortan mit Türstehern vor den anstürmenden Massen. Aus dem oft totgesagten Techno wurde hier wieder eine lebendige Popkultur, die mit den Loveparades nichts mehr zu tun hatte.

Mag sein, dass die dort feiernden Massen sich noch zu den bollernden Beats und wummernden Bässen bewegten, die für Techno charakteristisch sind. Doch war ihre Party schon vor langer Zeit zum Opfer jener Nivellierung geworden, die ihr einst den Weg zum globalen Erfolg ebnete.

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