Was gab es nicht schon alles für Wirbel um Mozarts "Idomeneo". An der Deutschen Oper Berlin wollte Intendantin Kirsten Harms die Inszenierung von Hans Neuenfels absetzen, weil sie Terroranschläge islamischer Fundamentalisten fürchtete. In München ist das dort 1781 uraufgeführte Vater-Sohn-Drama anlässlich der spektakulären Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters in aller Munde.
Jetzt aber können wir diese wie auch alle anderen Produktionen der jüngeren Rezeptionsgeschichte getrost abhaken. Denn endlich hat Nikolaus Harnoncourt nachgewiesen, dass Mozarts erste große Oper jahrzehntelang falsch interpretiert wurde, weil sie keineswegs wie angenommen in der italienischen Opera seria wurzelt, sondern in der französischen ernsten Oper des Spätbarock, der Tragédie lyrique.
Stilsynthese für die Isar
Nachweisen lässt sich das sowohl historisch als auch dramaturgisch: Mozarts Mäzen, Kurfürst Carl Theodor, der 1778 einen französischen Geschmack an die Isar gebracht hatte, wollte den Münchnern zeigen, wie aufregend eine italienisch-französische Stilsynthese sein könnte. Entsprechend bildete ein Schauerdrama von Antoine Danchet aus dem Jahre 1713 die gewünschte Vorlage für Mozarts Librettisten Gianbattista Varesco.
78 Jahre alt musste Harnoncourt werden, um nun beim Styriarte-Festival in Graz Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen zu ziehen, die Opernwelt auf seine alten Tage noch einmal zu revolutionieren als musikalischer Leiter und - zum ersten und einzigen Mal, wie er gelobt - auch als Regisseur, im Tandem mit seinem Sohn Philipp.
Auffälligste optische Neuerungen dieser gefeierten Premiere sind Ballett-Sequenzen an den Aktschlüssen. Der Schweizer Choreograf Heinz Spoerli kombiniert raffiniert Klassisches mit modernem Ausdruckstanz. Die erstklassigen Solisten des Zürcher Balletts wechseln permanent ihre Gestalt (fantasievolle Kostüme: Renate Martin und Michael Jaritz), bezwingen die Trojaner als Krieger mit Doppelaxten, drangsalieren als Meeresbestien den verzweifelten Kreter-König, der dem Meeresgott seinen Sohn opfern soll, und personifizieren zugleich dessen Seelenqualen. Im versöhnlichen Finale schließlich verkörpern sie, ganz in Weiß, die vollendete Harmonie zu majestätischem Pomp, der kaum je zuvor bei einer "Idomeneo"-Aufführung erklungen ist - meist endet das Stück mit dem letzten Chor.
Dieses Final-Ballett setzte zugleich den Höhepunkt einer kompromisslosen Aufführung, für die der Originalklangexperte Harnoncourt nach gründlichem Studium von Mozarts Autographen sogar eigens kaum gebräuchliche H-Klarinetten fertigen ließ. Der Aufwand hat sich gelohnt, kommen doch die wechselnden Affekte in aller Differenziertheit zu ihrem Recht.
Dieser "Idomeneo" überrascht an allen Ecken und Enden. Die Dramatik besitzt eine ungeheure Wucht. Es schnarrt, kracht und gewittert in der schwarz ausgeschlagenen Helmut-List-Halle. Dann wieder beschwören hoch virtuose Bläsersolisten des Concentus Musicus Wien in einer Arie der zärtlich liebenden Ilia eine Intimität herauf wie in einer Kammeroper. Ein Geniestreich auch der Marsch im zweiten Akt, bei dem Harnoncourt die Naturhörner mittels Dämpfern zu einem nie gehörten Piano-Beginn zwingt. Dagegen besorgen Traversflöten und Barockoboen mitunter schneidend schmerzhafte Klänge. Und die Rache-Arie der Elektra, sie kommt unter Einsatz der hinter den Zuschauertribünen positionierten Donnermaschine furchterregender daher denn je.
Die Besetzung: sensationell
Dass Nikolaus Harnoncourt diese Produktion, an der sein Sohn Philipp als Co-Regisseur mitwirkt, auch ohne großes Staraufgebot erstklassig besetzen konnte, ist eine weitere Sensation. Saimir Pirgu (Idomeneo), Marie-Claude Chappius (Idamante), Julia Kleiter (Ilia), Eva Mei (Elektra), Jeremy Ovenden (Arbace) sowie der Wiener Arnold-Schoenberg-Chor singen und spielen vorzüglich. Wie sie leiden, schmachten, rasen, jubeln oder den Tod herbeisehnen.
Rolf Glittenbergs Bühne zeigt mit wenigen geschickt arrangierten Versatzstücken ionischer Säulen und impressionistischer Blumenbilder Poesie und guten Geschmack. Lebendig und zeitlos erscheinen die antiken Figuren durch ihre allzu menschlichen Konflikte und Emotionen. Allein der auf einem Altarbild dargestellte Meeresgott Neptun mit aufgerissenem Mund wirkt - etwas unmotiviert - wie ein Science-Fiction-Wesen. So einen kleinen Schönheitsfehler aber verschmerzt diese glänzende Produktion. Der Grazer "Idomeneo" ist ein Jahrhundertereignis.
Helmut-List-Halle, Graz: 8., 10., 12., 15. Juli. www.styriarte.com