Ein überraschendes Wiederhören erwartet einen am Ende von Bill Wells’ neuem Album „Lemondale“. Das abschließende Titelstück variiert Procol Harums Siebziger-Hit „Whiter Shade of Pale“ (oder die Harmonien von Bachs Hitauskopplung „Air“, worauf das Stück beruht). Allerdings als leicht verstimmte Slacker-Version, in der ein klappriges Klavier und eine Tuba den Generalbass herunterbrummen, eine schief gepustete Melodica die Orgel ersetzt und darüber zwei niedlich verwehte Damenstimmen etwas verpeilt „Lemondale, Lemondale, uhuuu“ singen.
Das angeschickerte Schlingern von Arrangement und Stimmung steht beispielhaft für das gesamte Album und erinnert an „Gok“, die letzte japanische Produktion des schottischen Pianisten, Drummers und Komponisten, die er 2009 mit den japanischen Konzeptdilettanten Maher Shalal Hash Baz einspielte. Das liegt nicht nur daran, dass deren Chef, der selbsterklärte König des Irrtums Tori Kudo, selbst an Klarinette und Melodica dabei ist. Etliche der 13 Musiker, die Wells um sich schart, stammen aus dem gleichen japanischen Do-it- yourself-Umfeld, Leute wie das Duo Tenniscoats, der Multiinstrumentalist Kama Aina oder der Fön-Virtuose Tetsuya Umeda. Darüber hinaus hört man jedoch auch formal geschulte Profis wie die Pianistin Satoko Fujii und die zeitgenössische Sängerin Katsumi Nikaido, die öfter ganz wunderbar die sehnsüchtige Süße von Tenniscoats-Stimme Saya umrankt.
Nicht zuetzt nutzte Wells die Gelegenheit, um mit dem vor einigen Jahren nach Tokio übersiedelten Gitarristen und Produzenten Jim O’Rourke zu arbeiten. O’Rourke ist eine der prominentesten Figuren des Chicagoer Post Rock, der neben festen Engagements bei den einflussreichen Gastr del Sol und zuletzt Sonic Youth durch ein umfangreiches Gastspektrum zwischen Folkrock und Neue Musik-Avantgarde auffiel.
Man meint, die Songs zu kennen
Auch Wells bevorzugt solche musikalische Offenheit und wie O’Rourke als Solokünstler freut er sich an sanft repetitiven Mustern. So spielt er in Trio- und Octet-Besetzung Chill-Out-nahen Jazz, versucht sich aber auch mit Sängerinnen wie Isobel Campbell oder Barbara Morgenstern an offenen Liedstrukturen.
„Lemondale“ verbindet auf reizendste Weise solcherart freie Verspieltheiten mit dem Song-Klassizismus von Burt Bacharach, Brian Wilson oder Antonio Carlos Jobim, deren Songs Wells verehrt. Die meisten Tracks beruhen auf sanft kreiselnden Melodiefiguren, die vor allem von unspektakulär originellen Arrangements leben. Das erste Stück etwa schafft mit seinem Akkordeon zu schleichender Percussion und Klavier eine Sechziger- Bistro-Atmosphäre, die vom gedehnt körperlosen japanischen Gesang undeutlich aus der Zeit getragen wird. Später ruckelt ein Track mit quakendem Bläsersatz, kontrastierendem Xylofon und stockend entrückter Stimme voran, und zwischendurch hört man durch einen geräuschhaltigen Kaffeehaus-Samba mit dunkler Tuba von weit her Telefone klingeln.
Die Atmosphäre bleibt konsequent in einer seltsam halbwachen, unscharfen Stimmung. Dabei kann man nicht genau sagen, ob diese Verschiebung von der verregneten Nostalgie der musikalischen Themen kommt, von den Geräuschen gestiftet wird, die O“ Rourke wie Vinylkratzer darüber schabt, oder von der naiv-anachronistischen Tönung der Instrumente. Wells selbst erzählt, dass manche Musiker seine englischen Ausführungen zu den Songs gar nicht verstanden.
Tatsächlich hat man bis zur Coverversion am Schluss oft den Eindruck, die Songs irgendwoher zu kennen. Doch der bezaubernde Reiz dieses Albums liegt gerade nicht in der Überraschung, mit dem man Vertrautes in neuem, schrägen Kontext hört. Sondern in der Möglichkeit, dieses Neue sei hier nur das Ergebnis eines gemeinschaftlichen, ebenso zärtlichen wie kunstvollen Missverständnisses.