Als Georg Friedrich Händel sein Musikproduktionsunternehmen von Oper auf Oratorium umstellte, reagierte er damit auf eine veränderte Marktlage. Sein szenisch Denken gab er dennoch nicht auf. Im Falle der Oratorien "Semele" oder "Belshazzar" etwa hat die Rezeptionsgeschichte den Fachwechsel ihres Schöpfers faktisch rückgängig gemacht. Beim populären "Messiah" aber ist zwar das berühmte "Hallelujah" ein Hit und überhaupt das Ganze eine regelrechte Kette von eingängigen musikalischen Schmuckstücken, doch als erzählbare Geschichte taugt die Kompilation der Zitate, die Charles Jennens aus der Heiligen Schrift zusammenstellte, nicht recht.
Claus Guth sucht jetzt im Theater an der Wien (das sich als "Neues Opernhaus" bezeichnet) nach einem szenischen Zugang, mit einer hinzuerfundenen Geschichte. Da, wo Händel Gefühle, wie Trauer, Verzweiflung oder auch Hoffnung, in einer großen, emotionalen Spannweite im Wechselspiel von Chören, Solisten und instrumentalem Innehalten quasi auf die Worte der Bibel projiziert, holt Guth sie in einen säkularisierten Lebenszusammenhang zurück und blendet sie über die zwischen banal (Affäre) und extrem (Selbstmord) changierenden Grenzerfahrungen heutiger Menschen.
Theater an der Wien, 1., 3., 6. April. Arte sendet eine Aufzeichnung am 13. April um 19.00 Uhr. www.theater-wien.at
Beginnend mit "Tröstet mein Volk" bis "Das Volk, das im Finstern wandelt" ist das eine eher profan ausgestattete Trauerfeier für einen Mann, der durch seinen Selbstmord vor allem Fragen für die Hinterbliebenen hinterlässt. Der folgende Mittelteil, eine Rückblende, beginnt mit einer Taufe ("Denn uns ist ein Kind geboren"), zeigt den Leidensweg des Selbstmörders ("Siehe, das ist das Lamm Gottes") und den Selbstmord im Hotel, um schließlich mit dem "Hallelujah" wieder zum Beginn der Trauerfeier zurückzukehren. Im dritten Teil ist dann der Weg für die Trauer frei.
Der Raum ist eine weitere Variante der mittlerweile von Guths Ausstatter Andreas Schmidt in alle Richtungen durchdeklinierten, dezent cleanen Gänge-, Wand- und Türfluchten-Architektur. Die reichlich genutzte Drehbühne erlaubt den reibungslosen Wechsel zwischen dem Saal für die Trauerfeier und verschiedenen Rückzugsrefugien fürs verzweifelte Alleinsein. Aber auch für die Sterilität anonymer Korridore, die Anonymität von Hotelzimmern oder auch für die Herausforderung, an einer Leichenschmaus-Tafel zu sich zu kommen. Man mag diese Geschichte aus dem irdischen Leben mit seinen privaten Katastrophen banal finden. Nachvollziehbar ist sie über weite Strecken, zumindest sofern man den Verästlungen des Wer-mit-Wem gefolgt ist.
Hinterfragende Elemente wie das Kind mit dem Dreirad oder die einsame Putzfrau sind dabei abseits vom narrativen Pfad gesetzte, ins Assoziative weitende Fragezeichen. Die gelegentlich allzu dichte Annäherung ans Wortwörtliche streift allerdings auch schon mal den szenischen Kalauer. Passt der überforderte Manager zwar genau in unsere Zeit, so ist er als Lamm Gottes doch etwas starker Tobak. Das verführerische Spiel mit den Füßen des Liebhabers, wenn im Text von Füßen die Rede ist, wird (unfreiwillig?) komisch.
Gleichwohl: Überwiegend gelingt Guth mit routinierter Professionalität und szenische Abwechslung im sorgfältig bedachten Detail so etwas wie kontemplative Dramatik. Zumal die musikalische Seite ins Händeljubeljahr passt. Getragen von Jean-Christophe Spinosi und einem sinnlich packenden Ensemble Matheus, scheint sowohl beim Arnold Schoenberg Chor als auch bei den Solisten musikalischer Glanz und barocke Lust auf: Ob nun Cornelia Horak, Altus Bejun Mehta mit nicht nur stimmlichem Sexappeal, ob die resolute Susan Gritton, der wütend donnernde Florian Boesch oder der bedrängte Pfarrer Richard Croft - hier gibt es Händel-Gesang vom Feinsten. In das obendrein präzise Spiel fügen sich der Tänzer Paul Lorenger als Selbstmörder und die Gebärdendarstellerin Nadia Kichler nahtlos ein. Der Jubel war einhellig.