Es ist kalt hier" - die Bemerkung von Herodes hat sich in Michael Rütz´ "Salome"-Bühnenbild für das Staatstheaters Mainz visualisiert: nur Spiegelwände, die von einem blässlichen, mal bläulichen, mal rötlichen Himmel überfangen sind. Blasse Farben auch bei der Festgesellschaft (Kostüme: Marc Thurow): gedeckte Braun- und Schwarztöne für die Herren, das Wachpersonal im obligatorischen Grau mit Dienstkrawatte und Waffenhalfter. Eine moderne Zivilgesellschaft nivellierter Mittelständigkeit, aus der allein die schrille Herodias in rotem Kostüm und die kühl-verschlossene Salome im gelben Kleid herausstechen.
Jochanaan im Wendland
Intendant Matthias Fontheim hat sich bei seiner Inszenierung der Skandal-Oper von Richard Strauss aus dem Jahre 1905 bedeckt gehalten und weder die Karte vom kindlichen Trotzkopf, der nur spielen will, noch die von der Monströsität moderner Trieblichkeit ausgespielt. Seine Salome ist ein hübsches, etwas gelangweiltes Luxusgeschöpf, das viele Anbeter hat, aber denjenigen, den sie anbetet, nicht bekommt, weil der einen anderen anbetet. Feuer der prophetischen Kritik und Feuer der erotischen Leidenschaft stehen sich gegenüber.
Bei Fontheim sieht der Prophet Jochanaan mit seinen Schlabberjeans und dem karierten Flanellhemd aus wie einer, der sich auch schon mal im Wendland an die Gleise ketten würde. Seine Stimme kommt nicht aus der Tiefe der Zisterne, sondern von oben. Aus dem Bühnenhimmel wird der Einmann-Käfig auf die Ebene der höfisch-sinnlichen Tatsachen heruntergebracht. Später, wenn der abgeschlagene Kopf laut Libretto auf einem Silbertablett heraufgereicht werden sollte, kommt der Käfig wieder herabgeschwebt, in dem jetzt allein der Kopf liegt - einer der beeindruckendsten Momente des Abends.
Vorher gibt es eine ähnliche Blickfessel: bei Salomes Tanz der Sieben Schleier. Die Prinzessin vervielfältigt sich in 15 Doppelgängerinnen: alle im gleichen gelben Kleid mit den gleichen dunklen Haaren und fast identischer Statur. Eine serielle Wunsch-Maschine, die für jeden der Bühnengäste einen individuellen Service parat hat. Hier ist alles Blick und Spiegelbild: Man beobachtet mit der Lust am Schauer eine Frau, die sich gekränkt sieht weil sie nicht angesehen wird. Im Saal der Spiegelungen bekommt sie zwar schließlich ihre Trophäe, aber um den Preis des Lebens. Ein Fetisch ist das Ende von der Liebe als Passion.
Zu diesem Ende hin wird alles in Mainz immer besser. Annette Seiltgen hat sich da inzwischen als Titelfigur ganz frei gesungen: strahlend und voll in den mörderischen Höhen und eine gesättigte Ruhe ausstrahlend im Angesicht des Unterpfands ihrer Liebe, das "nach Blut schmeckt".
Weniger dekadent als wuchtig
Der Herodes von Alexander Spemann war gestisch und stimmlich eine Offenbarung mit seiner glasklaren und absolut treffsicheren Stimme. Markant die Herodias von Katherine Marriott mit viel Charakter bietenden stimmlichen und mimischen Mitteln. Oliver Zwarg gab den Propheten Jochanaan vehement und treffsicher. Almerija Delic und Milen Stradalski seien stellvertretend für die sehr gut besetzten kleineren Rollen genannt. Catherine Rückwardt dirigierte das Philharmonische Staatsorchester Mainz heftig - weniger die glitzernde schwüle Décadence-Atmospäre als eher die wuchtigen Tutti-Brecher exponierend.
Staatstheater Mainz, Großes Haus: 15. April, 2., 4., 16. Mai. www.staatstheater-mainz.de