"The poetics of space" steht in Lichtschrift auf der Fassade des Amsterdamer Paradiso. Die Zuhörer drinnen wissen, dass damit nicht die räumlichen Eigenarten der zu einem Kulturtempel mutierten Kirche gemeint sind: Sie haben sich zu einer Darbietung des Festivals "Sonic Acts XIII" versammelt, das einen großzügigen Umgang mit beiden Begriffen pflegt, und sie nehmen dabei klaglos Lautstärken hin, die kein Ohrenarzt oder Architekt mit den Worten "Poesie" und/oder "Raum" verbände.
Als BJ Nilsen seinen Laptop mit dem hauseigenen Mischpult verbindet, sagt er etwas von einem Tsunami im Pazifik. Das ist die Natur da draußen. Der schmächtige Mann aus Schweden aber steht mit "Solid Curtain" im Programm, einer Audio-Performance aus Gewitterklängen. In der Bar im Untergeschoss des Paradiso geben Wände und Decke noch Zeugnis davon.
Bei der Hast nach draußen
Tags darauf lässt Naut Humon selbst es krachen. Der Produzent aus San Francisco ("Asphodel Records") besorgt im Planetarium die Klangregie von "PlayThing" der verstorbenen Maryanne Amacher (1938-2009). Was die "kommenden Jahrhunderte", an die die New Yorker Künstlerin sich wendet, damit anfangen werden, weiß niemand. Entweder man benutzt beide Hände, um sich die Ohren zuzuhalten, oder man setzt sie ein, um sich - schutzlos - bei der Hast nach draußen durchs Dunkel abzustützen.
Maryanne Amacher, das ist ebenso "sound art" wie das schiere Gegenteil: Annea Lockwood, die im Paradiso die kathedrale Höhe der Grand Central Station von New York akustisch andeutet. Oder Jacob Kierkegaard, der Hunderte dazu bringt, eine halbe Stunde lang die unendliche Vielfalt der Sandkornbewegungen von Wanderdünen in Oman anzuschauen (und dem Naturdröhnen unterhalb von 50 Hertz gerne noch was draufgibt). Oder Hildegard Westerkamp, die Klangeindrücke aus Indien in einem ausge-sprochen narrativen Stil achtkanalig ausbreitet. Die Grande Dame der "Soundscape"-Bewegung war hin und weg in Amsterdam: So viele junge Leute, so ein Massenandrang! Vorträge, die in einen weiteren Saal übertragen werden mussten! Und vor allem das, was sie "all inclusive" nennt und aus Amerika nicht kennt: Audio und Video, Performance und Installation, Künstler und Wissenschaftler. Darunter Steven Connor aus London mit einer wunderbaren Reflexion über die Dialektik, dass "Klang und Raum, obwohl untrennbar miteinander verbunden, nie übereinstimmen".
Westerkamp selbst sprach über die "sound walks" in Vancouver, Klangspaziergänge, bei denen Sprechen nicht erlaubt ist, nicht einmal beim Besuch eines Cafés, und für eine Stunde sehr spezielle soziale Gemeinschaften sich bilden. Das war nun überhaupt nicht Wissenschaft, aber wertvolle Erkenntnis des Alltags im Sinne der Wissenschaftstheorie von Karl Popper. Ansonsten fiel die Verständigung der beiden Lager schwer, etwa als Jacob Kierkegaard und der britische Hirnforscher Michael J. Morgan versuchten, sich darüber auszutauschen, dass die Ohren nicht nur Klang weiterleiten, sondern selbst auch Klang produzieren.
Der britische Forscher und Videokünstler Paul Prudence, mittags dröger Präsentator von Algorithmen, die aus Formen der Natur gewonnen werden, entfaltete abends im Planetarium ein Feuerwerk der Formen, die bis auf den Akustiker Ernst Friedrich Chladni (1756-1827) zurückgehen.
Dankenswerterweise nahm niemand das Wort "Grenzüberschreitungen" in den Mund, und doch war eine Grenze in Amsterdam erfahrbar, ein sinnliches Ungleichgewicht: Dort wo das Genre gedanklich und technologisch den größten Aufwand treibt, bei den Klanginstallationen, ist der aurale Ertrag am geringsten.