Es gibt Bands. Und es gibt Bands. Die einen machen Musik. Die anderen machen auch Musik, aber noch ein bisschen mehr. Also gibt es Bands, die eine brillante musikalische Idee als erste haben. Es gibt Bands, die Trends in der Mode setzen. Es gibt auch Bands, die - gewollt oder unbewusst - ein gesellschaftliches oder politisches Phänomen auf den Punkt bringen. Und dann gibt es noch Vampire Weekend. Die machen das alles auf einmal.
Nicht schlecht für eine Band, die ihr neues Album "Contra" mit einem Song voller Marimbas eröffnet, in dem zuerst die Auswirkungen geschildert werden, die es haben kann, wenn man den titelgebenden lateinamerikanischen Drink "Horchata" im Dezember zu sich nimmt, und anschließend Skimaske ("balaclava") auf Orangenlimonade ("Aranciata") gereimt wird.
Der, zumindest oberflächlich, sommerlich harmlose Song wirkt wie demonstratives Understatement. Denn schließlich hat die Studentenband aus New York vor genau zwei Jahren mit ihrem ersten Album nicht nur einen erstaunlichen kommerziellen Erfolg gelandet und bislang mehr als eine Million Stück verkauft. Nicht nur hat das Quartett eine Welle an Imitatoren und Epigonen ausgelöst, die nun ebenfalls afrikanische Rhythmen und Harmonien in Indie-Pop und Rock einbauen. Außerdem hat man die Musikpresse zu Artikeln provoziert, in denen es seitenlang nur am Rande um Musik geht, stattdessen aber darum, wie die Band sich kleidet und was das für den Weltfrieden zu bedeuten haben könnte.
Vor allem aber haben Vampire Weekend bewiesen, dass nun auch die allerletzten Verästelungen moderner Popmusik ganz selbstverständlich Teil des globalen Dorfs geworden sind. Paul Simon musste für "Graceland", das Album, mit dem "Vampire Weekend" am häufigsten verglichen wurde, vor einem Vierteljahrhundert noch nach Südafrika reisen. Vampire Weekend aber kleideten sich wie WASP-Schnösel, kannten afrikanische Musik nur aus dem Internet und klangen trotzdem völlig organisch, auch wenn sie für die Aufnahmen New York City niemals verlassen hatten.
Das haben sie, abgesehen von einem kurzen Ausflug nach Mexiko, auch für "Contra" beibehalten. Gereist wird stattdessen in der Musik. Deutlich hörbar bemühen sich Vampire Weekend, weitere Elemente einzubauen, neue Ideen zu entwickeln, die über das Debüt hinausweisen. So verlieren sich in "I Think Ur A Contra" gleich mehrere Melodielinien in einem seltsam unentschlossenen, aber ganz wundervoll heimeligen Wellness-Tempel aus Geigen. Außerdem sind puertoricanischer Reggaeton, jamaikanischer Ska und brasilianischer Baile-Funk zu lokalisieren. Zugleich aber ist die Band auch in der Lage, ihre afrikanischen Einflüsse sogar noch etwas deutlicher herauszuarbeiten als auf dem Debüt. Die Folge: "Contra" hat musikalisch nicht mehr viel zu tun mit Indie-Pop, wirft aber in seiner gnadenlosen Globalisierung schnell ziemlich grundsätzliche Fragen auf.
Fragen wie: Wo genau kommt denn diese Musik nun her? Und wem gehört sie? Und nicht zuletzt: Darf man das überhaupt, sich alles einfach so aneignen?
Ezra Koenig, Sänger, Songschreiber, Gitarrist und Kopf der Band, sagt derzeit in nahezu jedem verfügbaren Medium dasselbe: "Wir haben nicht vor, uns einschränken zu lassen, wie auch immer."
Tatsächlich bedient sich Koenig nicht nur für den überbordenden Sound seiner Band überall so hemmungslos, dass das Ergebnis bisweilen bösartig schon als "global illage" - ungefähr: "weltweite Krankheit" - bezeichnet wurde. Auch mit seinen kryptischen Texten versteht er es, Erwartungen zu wecken und sie sofort wieder zu enttäuschen. In den Reimen von "Contra" tauchen auf: Masada, die nationale Heldenstätte Israels; "Complete Control", ein Songtitel der legendären Politpunkband The Clash, die Filme "French Connection" und der Tupac-Shakur-Song "To Live And Die In L.A."; eine Bombe und Kalaschnikow; Skinheads und Diplomatensöhne; Skifahren in den Alpen und eine saudi-arabische Satellitenschüssel.
Wer aber jetzt versuchen sollte, daraus irgendwelche politischen, soziologischen oder womöglich auch kunsttheoretischen Statements abzuleiten, dem muss gesagt sein: Die meisten dieser Songs sind eigentlich Liebeslieder. Und wer dann immer noch nicht hören mag, dem schleudert Koenig den Titel des neuen Albums seiner Band entgegen: Mal hat er dementiert, "Contra" wäre nach den von der CIA finanzierten anti-sandinistischen Milizen benannt, mal hat er behauptet, die Inspiration stamme von einem gleichnamigen Ballerspiel für den Computer. Schlussendlich steht "Contra" wohl für: Dagegensein ist schick.
Gegen was man da ist, das allerdings ist weitgehend egal. Koenig legt zwar Wert auf die links-demokratische Tradition seiner Familie, für die "New York Times" aber ist seine Band "eine Boygroup für Mittzwanziger mit schlechtbezahlten Jobs in Kunstgalerien". Mit den afrikanischen Anklängen, so das ehrwürdige Blatt gehässig, würden sie vor allem nachweisen wollen, dass sie mal ein Semester im Ausland studiert hätten.
Koenig, davon darf man ausgehen, wird die Häme ziemlich egal sein. Nicht nur weil die NYT ausgerechnet jene Zeitung ist, die Vampire Weekend vor knapp zwei Jahren mit einem euphorischen Artikel den Weg vom Blogosphären-Geheimtipp zur Hipsterband für die bürgerliche Mitte wiesen. Sondern vor allem deshalb, weil Vampire Weekend mit "Contra" alle Schubladen, in die man sie stecken könnte, erfolgreich zustoßen. Und dann den ganzen Schrank in Brand stecken.
Live: 19.2. Berlin, 20.2. Köln, 21.2. Hamburg.