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Musik

25. November 2012

„Walküre“ in der Philharmonie: Sachlicher Geist hantiert mit der Glut

 Von Clemens Haustein

Wagner erregt. Um so mehr vielleicht, wenn ein sachlicher Geist wie Janowski mit der Glut seiner Partitur hantiert. Was das Publikum am Sonnabend in der Philharmonie mit der „Walküre“ zu hören bekam, war jedenfalls schlicht atemberaubend.

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Diese Juchzer. Als sei da jemand gekitzelt worden, habe jeden Laut unterdrücken müssen und dürfe nun loslassen. Nach den Schlussklängen des „Rheingold“ am Donnerstag juchzt es aus den Rängen, ebenso wie – besonders ekstatisch – nach dem hinreißenden ersten „Walküre“-Akt am Sonnabend. Als die „Walküre“ im Schlussakkord der Bläser verglimmt und noch in den Nachhall hinein Bravo gerufen wird, findet der Dirigent Marek Janowski das nicht so lustig.

Die vorherigen Beifallsäußerungen hatte er noch mit interessiertem Therapeutenblick über die Brille hinweg zur Kenntnis genommen. Jetzt schüttelt er verärgert den Kopf. Schließlich wird das alles auch auf CD aufgenommen und kaum etwas ist Janowski ein größerer Gräuel als Kontrollverlust und süßliche Ekstase.

Wagner erregt. Um so mehr vielleicht, wenn ein sachlicher Geist wie Janowski mit der Glut seiner Partitur hantiert – andernfalls droht eine dumpfe Verpuffung. Was das Publikum insbesondere am Sonnabend in der Philharmonie mit der „Walküre“ zu hören bekam, war jedenfalls schlicht atemberaubend. Von den ersten Windstößen des Vorspiels an steht das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Starkstrom – und das wird einen ganzen Abend so bleiben.

Freudvoll werfen sich die Streicher in die griffigen Kaskaden, Klarinetten und Englischhorn betören in den sinnierenden Passagen, ein wunderbar weicher Orchesterklang ohne Aufdringlichkeit oder Prahlerei. Und dann eben Janowski, der das Geschehen ständig vorantreibt, der die Szenen kraftvoll zusammenrafft und dennoch immer wieder Raum zum Atmen lässt. Raum, den die durchweg beeindruckenden Sänger zu nutzen wissen: Robert Dean Smith etwa mit einem Siegmund, der Feinheit und Kraft zugleich ausstrahlt; Melanie Diener mit einer mütterlich warmen Sieglinde und Tomasz Koniecznys jugendlich tönender Wotan.

Das Wasser klingt klar

Ähnlich stark war die Leistung der Sänger bereits am Donnerstag im „Rheingold“ gewesen – und doch fiel der Abend gegen den folgenden ab. Ob es daran lag, dass die „Walküre“ die ungleich griffigere Musik bietet, dass Wagner im „Rheingold“ die Bläser meist wie im Chor spielen lässt und nicht so abwechslungsreich instrumentiert? Janowski gab sich nicht allzu viel Mühe, Breschen in die zuweilen wuchernde Musik zu schlagen. Im Gegensatz zur „Walküre“ hat er hier kaum etwas riskiert. Das Es-Dur des Vorspiels klingt von Beginn an kräftig – kein Rhein der unergründlichen Tiefen, sondern ein Gewässer, dem man auf den Grund sehen kann. Eilig ging Marek Janowski über alles hinweg, was Wagner am Rande des Kitsches komponiert hat: den Rheintöchtergesang, die „Winterstürme“-Romanze später in der „Walküre“. Schade nur, dass sich in diesem Hinwegspielen auch der Klang des Orchesters verliert.

Fehlende Sinnlichkeit gleicht am „Rheingold“-Abend vor allem Christian Elsner als Loge aus. Wunderbar liedhaft singt er diese Rolle, eine Figur voll sympathischem Witz und eleganter Geschäftigkeit. Ähnlich beeindruckend Jochen Schmeckenbecher: sein Alberich ist erfüllt von Besessenheit und angstvoller Gier. Im März wird der „Ring“ fortgesetzt und damit der Wagner-Zyklus des Rundfunk-Sinfonieorchesters beschlossen. Bei Janowskis Vorbehalt gegen den populären Klangzauberer und seiner phänomenalen Darstellung des Dramatikers Wagner darf man sich schon auf die „Götterdämmerung“ freuen.

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